Wie gerne würde ich Dich berühren!

Es waren lediglich zwei Stunden vergangen, seit dem letzten Telefonat. Sie hatte noch seine beruhigende Stimme im Ohr. Die sanften Worte, welche ihr Trost in dieser schweren Zeit spendenden. Er hat sie sofort angerufen, nachdem sie sich zuvor schon stundenlang im Chat unterhalten hatten.

Ursprünglich wollte sie nur kurz ihre Mails und die diversen Medien nach den neuesten Nachrichten durchsuchen. Ein Blick darauf, kann an Tagen wie diesen nicht schaden. Nur nicht zu viel davon konsumieren, es tut ihr nicht gut. Zuviel deprimierende Schlagzeilen. Schwarze Lettern, welche dunkle Szenarien ausmalen und die Zukunft im grauen Nebel verschwimmen lassen. Derartige Schauplätze geisterten ohnehin schon ausreichernd  in ihren Gedanken herum.

Deshalb konzentrierte sich ihr Alltag auf die angenehmen Seiten ihres Lebens in der Einsamkeit. Die Lichtpunkte, welche ihre Seele überlisteten. Ein Schauspiel, um den Schmerz besser zu ertragen. Ablenkungsmanöver, um die täglichen Tränen zu trocknen.Powder	04.11.2000	41 x 29,5 cm	Gouache auf Papier

Und plötzlich, war da wieder ein menschliches Wesen, dass ihr zuhörte. Auf ihre Worte einging. Endlich ein Gespräch, dass sich nicht um Krankheit oder andere Leidvolle Dinge drehte. Unbeschwert, jedoch nicht oberflächlich. Humorvoll heiter, ja sogar ausgelassene unbeschwert fröhlich könnte man es bezeichnen. Wäre, da nicht schon wieder dieser winzig kleine dunkle Hintergedanke. Nein, weg mit ihm. Kein Platz für Traurigkeit. Nein, nur jetzt keinen neuen Kummer aufkommen lassen. Es fängt doch erst an. So kann man doch nicht gleich zu Beginn ein zartes Pflänzchen an Zuneigung zertrampeln.

Der Mensch am anderen Ende der Leitung fühlt sich Wohl in deiner Gegenwart. Das hört man aus jeden seiner Worte. Da schwingt keinerlei Mitleid oder höfliches Entgegenkommen mit. Es ist, als säße er neben ihr, tief in die Augen blickend. Voller Neugierde – hey Du bist so spannend – erzähl mir alles. Ich will alles von Dir. Während des Telefonates, musste sie ihr Handy neu aufladen. Das Piepsen im Hintergrund schrie nach Energie. Auf keinen Fall wollte sie in diesen Augenblick eine Unterbrechung. Es war so wohltuend, dieser Stimme zu lauschen. Pullout	27.08.2013	20 x 20 cm	Acryl + Marker auf Leinwand
Das vorangegangen Worte blinkten noch im geöffneten Chat vor ihr aus dem Computer. Sie war eingebettet in einer Kumuluswolke welche unschuldig über den Sommerhimmel schwebte. Sie setzte sich entspannt auf die weiche Decke. Sie lag einladend auf der Wiese. Der Redefluss an ihrem Ohr drang tief in ihr Herz. Zeitweise, war sie wieder den Tränen nahe. Doch dieses Mal, waren es Tränen der Freude. Aufrichtige Freude. Nicht die, die sie tagtäglich zur Umleitung der dunklen Gedanken anwenden musste.

Schon während des Schreibens, ertappte sie sich dabei, weit voraus zu denken. Wie wird das weiter gehen? Wann und Wo werden wir uns sehen? Werden wir uns überhaupt treffen? Geht das im Augenblick überhaupt? Wie kann eine aufkeimende Annäherung in einer Zeit, wo körperliche Distanz angesagt ist, Zukunft haben?
Reicht es, wenn man lediglich schreibt und telefoniert? Wie unendlich viele andere Menschen dieser Erde haben das schon erlebt, gelebt und überlebt. Kein wirklicher Trost, wenn man mittendrin steckt. Ausgehungert nach einer endlosen Zeit an Einsamkeit und Alleinsein. Darbend, die Hand ausgestreckt nach jeglicher Berührung. Voller Sehnsucht nach der Wärme eines anderen Körpers.
Der Moment, wo sämtliche Schmerzen wie von Zauberhand verschwunden sind. Dieser elektrisierende Augenblick, der alles verändert. Der Zeitpunkt, wo Du denkst: „Alles ist gut, es kann dir nichts geschehen.“
Es gab eine Zeit in ihrem Leben, da hatte sie jegliche Annäherung abgeblockt. Eine Schutzwand aufgestellt, um sich vor weiteren Verletzungen zu bewahren. Mit jedem Wort, vermittelte sie dem Gegenüber, bleib ja weg von mir! Auch dann, wenn sie sich nichts mehr wünschte, als in den Arm genommen zu werden.

Und nun? Warten, obwohl sie es nicht erwarten kann. Sicher sein, dass es geschieht, obwohl derzeit alles auf wackeligen Beinen steht. Wieder loslassen, um den Schmerz zu vermeiden. Die ohnehin schon tieftraurige Stimmung zusätzlich befeuern. Warum erneut an den Rand eines schwarzen Loches treten, wenn da eine sanfte Hand auf dich wartet. Sie wird dich bis ans Ende deiner Tage berühren. Sicherheit durch seine Streicheleinheiten geben. Diese Berührungen werden dich stark machen.

Ohne diese Nähe ist der Mensch, ein armes Wesen. Es braucht ganz einfach diese Art an körperlicher Zuwendung. Von Geburt an, bis zum Tod. Eine warme Hand streichelt vorsichtig den Kopf des Neugeborenen. Eine warme Hand berührt sanft den kalten Körper des Verstorbenen. Eine warme Hand tröstet das weinende Kind.  Eine warme Hand beruhigt.

Nur halt, nicht gerade heute oder morgen. Aber irgendwann wird es wieder so sein. Bis dahin streicheln wir uns mit Worten und wenn geht auch Taten. Senden virtuelle Umarmungen an alle, die wir vermissen. Waschen fleißig die Hände um bald wieder warme Berührungen zu verschenken. Unser größtes äußerliches Organ, die Haut wird es dankbar annehmen und den Rest des Körpers mit zauberhafter Energie versorgen.

Liebe ist…legal!
©Bluesanne (04.07.2014)

verfasst am 24.März 2020 ©Bluesanne

 

Berührung steht für:

  • Körperkontakt durch Lebewesen
  • Berührung (Mathematik), gemeinsame Tangenten in einem gemeinsamen Punkt
  • in der Physik das Aufeinandertreffen zweier Körper, siehe Stoß (Physik)
  • Konjunktion (Astronomie), scheinbares Zusammentreffen zweier Himmelsobjekte

Bonustrack: Musik berührt!

Van Morrison – Days Like This / 1995

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