Augarten

Wien, 07.04.2020

Schon seltsam, dass einer der Orte meiner Kindheit plötzlich zum Thema politischer Debatten inmitten einer weltweiten Krise wird. Oder sind es einfach nur die Erinnerungen, die ich damit verknüpfe? Ein grüner Zufluchtsort, ein riesiger Park für mich allein samt Schwimmbad und geheimnisvollen Türmen, die mir zur Orientierung dienten. An vielen sonnigen Tagen durchstreifte ich diese grüne Stadtinsel. Sobald ich durch das Eisentor ging, betrat ich das Areal ohne Gefahren. Sorgenfrei – ohne Angst konnte ich wenige Stunden friedlich verbringen.
„Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schaetzer“ kann man heute noch auf einer Tafel beim Hauptportal lesen. Vor 245 Jahren, am 30.April machte Kaiser Josef II. den Augarten der Allgemeinheit zugänglich.
Mögen die Tore dieser grünen Oase in der Stadt bald wieder weit offen sein. Für alle Menschen, die einen Ort zum Durchatmen, Aufatmen  und sorgenfreie Stunden suchen.im Augarten260513

Der Augarten ist ein 52,2 Hektar großer, öffentlicher Park mit der ältesten barocken Gartenanlage Wiens und befindet sich in der Leopoldstadt, dem zweiten Wiener Gemeindebezirk. (Quelle:Wikipedia)

Dieser Park war in meiner Kindheit der Platz von Freiheit, die ich zu Hause nie spürte. Dort war ich meist alleine, im Park auch, aber ich fühlte mich dort gut aufgehoben. Spazierte durch die langen Kastanienalleen zu meinen Lieblingsplätzen. Aufgewachsen bin ich zwischen Prater und Augarten. Beide Grünanlagen waren sicherlich gleich weit entfernt von meinem zu Hause. Doch ich verbrachte meine Zeit lieber in dem Park mit den zwei riesigen Türmen. Hohe unansehnliche Steingebäude, deren Bedeutung ich damals nicht wirklich kannte. Meine Oma, hatte mir zwar erzählt, dass sie im Krieg als Schutz vor den Bomben für die Bevölkerung gedacht waren, aber das habe ich damals nicht wirklich verstanden.

Ich betrachtete sie immer als riesige Behausung für tausende Tauben und Ratten. Ein Paradies für jegliches Getier. Ein Zufluchtsort vor Wind und Wetter. Oft wollte ich nachsehen, ob es sich tatsächlich um eine gigantische Tierwohnung handelte. Doch es gab keinerlei Zugang und auch keinen Eingang. Somit spielte sich das Schauspiel von den tausenden Tauben, die Flügelschlagend und gurrend durch die alten Gemäuer segelten, lediglich in meinem Kopf ab. Unten am Boden des Turms, türmt sich eine Unzahl an Ratten. Ein unüberschaubarer Fellhaufen stets hastig in Bewegung, zwischen den die nackten Schwänze der Nager hervor lugten. Dieses Bild in meiner Vorstellung war gleichzeitig beängstigend und faszinierend. Und es passte irgendwie zu vielen der Wiener Sagen, die ich damals gelesen habe.

Mein bevorzugter Eingang in den Park, war der in der „Lampigasse“. Für mich eine sehr einladende Bezeichnung zu dem Portal in mein kleines kindliches Paradies. Das eiserne Tor, verziert mit etlichen Ornamenten. Die Stahlstäbe, welche oben spitz zusammenlaufen. Wohl dafür gedacht, nicht über den Zaun zu klettern. Dennoch ist es mir mehrmals gelungen, diesen ohne größere Blessuren zu überwinden. Und so manches Mal, habe ich es sogar geschafft, mich durch die Zwischenräume der eisernen Stangen zu schlängeln. Ich war ja ein ziemlich dünnes Mädel. Burschikos mit Kurzhaarschnitt. Aufgeschlagenen Knien und dreckigen Fingernägeln.

Mein erstes Fahrrad bekam ich mit etwa sechs Jahren. Es war ein gebrauchtes, aus dem Secondhandladen. Damals hieß dieses Geschäft „Tauschzentrale.“ Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube es war auf der Lassallestraße. Dieses kleine blaue Fahrrad begleitete mich von nun an in den Augarten. Es waren zwar Stützräder angebracht, aber die habe ich nach oben gebogen. Ich wollte sofort ohne diese auskommen. Die schräge Abfahrt bei dem oben genannten Eingang, eignete sich hervorragend um waghalsige Probefahrten zu absolvieren. Meine Beine seitlich in die Höhe gestreckt, düste ich immer und immer wieder die holprigen Pflastersteine hinunter. Unermüdlich, oft stundenlang bis ich nicht mehr konnte. Manchmal landete ich auf den spitzen Kieselsteinen. Putzte die in den Knien steckenden Teilchen ab und schob mein Fahrrad erneut den steilen Weg nach oben. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gebraucht hat, dass ich tatsächlich fahren konnte. Aber ich denke, es ging ziemlich rasch. Noch mehr Freiheit. Damit konnte ich nun den Park viel schneller und viel ausführlicher auskundschaften.

Im Sommer verbrachte ich die meiste Zeit im Bad des Augartens. Das Kinderfreibad. Gratis zu benützen und übervoll mit dutzenden anderen von Kindern. Meinen Türkis-farbigen Badeanzug zog ich meist schon zu Hause an. Ein Handtuch und Sandspielzeug klemmte ich in den Gepäckträger auf mein Fahrrad. In den Ferien fuhr ich oft gleich nach dem Aufwachen los. Eigentlich wusste niemand wirklich, wo ich tagsüber war.

Meine Eltern und meine Oma waren arbeiten und gingen schon frühmorgens außer Haus. Angst hatte ich nie, wenn ich die vielen stark befahrenen Straßen überqueren musste. Ich hatte auch im Augarten nie Angst, dass mir irgendetwas zustoßen könnte. Die etlichen kleinen Schrammen auf meinen Beinen und Armen, die vergingen mit der Zeit wieder. Auch ohne Pflaster.
Zu Hause hatte ich viel mehr Angst. Wahrscheinlich war ich auch deshalb so oft unterwegs.
Unterwegs zu meiner Sandkiste, in die Büsche um Tiere und Pflanzen zu erforschen, Kastanien kiloweise zu sammeln und im Sommer im Kinderfreibad zu plantschen. Dort gab es zwar eine Uhr, dennoch wusste ich anhand der Temperatur, dass es Zeit war schön langsam die Heimreise an zu treten. In die Pedale meines treuen blauen Gefährten. Viele Male bin ich mit dem nassen Badeanzug auf den Sattel gesprungen. Die Schuhe und den Rest der Kleidung auf dem Gepäckträger. Barfuß über den heißen, fast schon klebrigen Asphalt. Unterwegs hielt ich manchmal vor einem Süßwarengeschäft. Das Zuckerlgeschäft mit all seinen bunten unwiderstehlichen kleinen Verlockungen. Blickte sehnsüchtig auf die Berge von Bonbons und suchte mir schon die aus, die ich mir beim nächsten Mal vielleicht kaufen würde. Dann, wenn ich wieder ein zwei Schillinge von meiner Oma bekommen sollte. 10 Groschen für ein Zuckerl eingewickelt in Papier in tausend unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Gut behütet in einer Papiertüte. Ein Stanitzl voll mit Belohnungen für mich ganz alleine. Denn wenn ich mir ein paar gekauft hatte, habe ich diese immer gut versteckt. Sie waren oft meine Wegzehrung, mein Proviant für die langen Tage im Augarten.
Kurz bevor ich nach Hause kam, musste ich an einer großen Kirche vorbei. Die Steinmauer fing die letzten Strahlen der Abendsonne ein. Tagsüber hatten diese Steine die gesamte Hitze des Sommertages abbekommen. Jedes Mal ging ich langsam daran entlang und streichelte mit meiner Hand über die warme Mauer. Es fühlte sich trotz der Rauheit der Wand, so wohlig angenehm an. So wie der zu Ende gehende Tag. Im Beserlpark vor der Kirche, zog ich über den mittlerweile getrockneten Badeanzug meine Kleidung an. Von Tag zu Tag färbte sich meine Haut mehr und mehr. Am Ende des Sommers war ich oft so braun gebrannt, wie andere die irgendwo am Meer auf Urlaub waren. Ich war lediglich im Augarten. In einem Park, wo ich meine Freiheit genießen konnte. Wo schon der Hin und Heimweg ein kleines Abenteuer war.

Im Park is schee – Misthaufen / 1975

verfasst am 20.04.2015©Bluesanne aktualisiert am 07.04.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code