Kuckuckskinder

Wien, 24.02.2019

To go cuckoo = verrückt werden – heißt es im amerikanischen Englischen. Oder einen „Vogel haben“. Manchmal fühlt es sich so für mich an, wenn ich mich in der Unendlichkeit der Gedankengänge, einiger Themen verliere. Beinahe verloren gehe. Und mich dann schlussendlich mit erneuten Fragen verloren fühle. Im Abseits. Abgelegt in einem fremden Nest. Fehl am Platz.


Leider habe ich noch immer herausgefunden, warum das so ist. Dieses fremd fühlen. Danebenstehen. Zeitweise sich selbstbeobachtend in alltäglichen Situationen, oft auch mitten im Gespräch mit anderen Menschen. So geschehen auch heute, obwohl die bunte Runde der Damen sehr offen, freundlich, aufgeschlossen und herzlich war und ist. Einige der „Mädels“ kenne ich schon lange und habe sie tief in mein Herz geschlossen. Sie sind mir schon viele Male in schwierigen Lebenslagen beigestanden. Und ich fühle mich in deren Gesellschaft wirklich gut aufgehoben. Sie sind meine kleine Familie, so wie ich es mir halt denke, wie es sein sollte. Die Gespräche sind spannend, unterhaltsam, freundlich, ehrlich keineswegs oberflächlich banal. Kein Small-Talk. Im Gegenteil, heute gab es einige ziemlich tiefgehende Dialoge. Vielleicht haben diese mich zu diesem Thema geführt.

Doch selbst in dieser Geborgenheit, fliege ich wie eine Drohne über dem Geschehen und beobachte die beteiligten Personen inklusive mir selbst.
Katapultiere ich mich selbst raus? Ich weiß es nicht.

Mag ja auch sein, dass diese wohlwollenden Frauen auch ähnliche Fragen haben; sie jedoch in ihrem Alltags.- und Berufsleben gar keinen Zeitraum zum darüber Nachdenken finden. Abgelenkt sind, oder sie stellen sich ganz andere Fragen zum Leben. Ich denke, sie tun das, sonst würde ich mich in deren Gegenwart, trotz allem, nicht so gut aufgehoben fühlen. Dafür bin ich sehr dankbar. Meine kleine, sehr wertvolle „Kuckucks-Familie“  

Welche mich für einige Momente unter ihre Fittiche nimmt, Teilzeit adoptiert und ich somit ein wenig das Gefühl des gut aufgehoben Seins spüren kann.

Fotoquelle: BLV Tier- und Pflanzenführer für unterwegs / 1989

Der Kuckuck ist ein grauer unscheinbarer Vogel und er hat etwa die Größe einer Taube. Wie allseits bekannt überlässt der Kuckuck die Aufzucht seiner Brut anderen gefiederten Genossen. Der Nachwuchs unterstützt das Parasitentum seiner Eltern gleich nach dem Schlüpfen, indem er die Eier der Stiefgeschwister aus dem Nest wirft. So gilt ihm die volle Aufmerksamkeit seiner Wirtseltern. Der Kuckuck war im Jahre 2008 (Deutschland und Österreich) der Vogel des Jahres und ist mittlerweile vom Aussterben bedroht.


Ein ähnliches Phänomen spielt sich ab und an unter den Menschen ab. Es wird wohl meist nicht genauso zielgerichtet ausgeführt werden, wie beim Kuckuck. Aber es kommt vor, dass so manches menschliche Weibchen ihr Kind einem Mann unterjubelt. Die Beweggründe können vielfältig sein.

Wann weiß ich eigentlich tatsächlich, ob jene Erwachsenen die mich aufziehen tatsächlich meine biologischen Eltern sind? Als Kleinkind wird sich diese Frage noch nicht wirklich aufdrängen. Weshalb sollte man als Nachwuchs überhaupt daran zweifeln, dass der vorhandene Vater nicht derjenige ist, mit dem die Mutter einst verkehrt ist?

Erste skeptische Gedanken machte ich mir etwa mit 18 Jahren. Damals bin ich von einem Tag auf den anderen von zu Hause ausgezogen. Selbstverständlich habe ich auch meine persönlichen Dokumente mitgenommen. Bis zu diesen Zeitpunkt hatte ich sie noch nie in der Hand gehabt. Es fiel mir gleich auf, dass es zwei Geburtsurkunden gibt. Eine mit dem Namen meiner Großmutter und die andere mit den Namen meines Vaters (bzw. meiner Eltern), etwa ein Jahr später ausgestellt. Seltsam dachte ich. Aber irgendwie war es mir zum damaligen Zeitpunkt auch relativ egal.

Ich wollte all die Grausamkeiten die mit meinem zu Hause verbunden waren, hinter mir lassen, vergessen. Mein eigenes neues Leben beginnen, mit meinen damaligen Freund. Ziemlich rasch war ich mit ihm verlobt und die Hochzeit stand bevor. Zu diesem Zweck benötigte ich einen Geburtenbuchauszug. Dieses Dokument war ein weiteres Puzzleteilchen, welches mich zum Grübeln brachte. Darin war vermerkt, dass ich adoptiert war. Noch seltsamer. Doch auch diesmal hakte ich nicht weiter nach. Mir war nur bekannt, dass zum Zeitpunkt meiner Geburt, meine Eltern nicht verheiratet waren. Auf einem ihrer Hochzeitsfotos, spaziere ich bereits fröhlich herum.

16061963

Mittlerweile sind Jahrzehnte vergangen. Sehr viel ist seitdem geschehen. Vor allem die Jahre nach der Scheidung waren geprägt vom Wandel meiner Lebensumstände. Mit viel Energie versuchte ich mir ein eigenständiges Dasein aufzubauen. Es gab viele Rückschläge, aber auch enorme Fortschritte.

Was ich mich aber immer wieder im Laufe der Jahre gefragt habe:
*Wieso bin ich so völlig anders, als meine Familie in der ich aufwuchs?
*Warum habe ich mich dort nie aufgehoben gefühlt?
*Weshalb hatte ich immer den Eindruck, ein Fremdkörper in diesem Gefüge zu sein?

Viele Fragen, die sich hauptsächlich in den unterschiedlichsten Therapien heraus kristallisierten. Besonders die unendliche Leere aus der Vergangenheit, bringt mich immer wieder zum Nachdenken. Nachdenken über die emotionslose Zeit, die sich so eigenartig trist anfühlt. So ohne jegliche Gefühlsregung, dass ich phasenweise darüber entsetzt bin. Gleichzeitig irritiert und verstört über diese fehlenden Erinnerungen. Doch stets mit der innerlichen Sehnsucht nach dem, was ich damals offensichtlich nie hatte. Auch wenn ich es nie kennen gelernt habe. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, umsorgt auf zu wachsen. Weil ich eben nicht weiß, wie sich das anfühlt.

Bis auf die schrecklichen Geschehnisse aus meiner Kindheit und Jugend formt sich dazu in meinem Kopf lediglich ein riesiges großes schwarzes Loch. Wie eine permanente Amnesie. Verdrängung? Oder war ich tatsächlich nie wirklich ein Gesamtprodukt meiner erziehungsberechtigten Eltern? Ich werde das wohl nie wirklich klären können. Meine Mutter ist 1991 gestorben. Aber vermute mal, sie hätte mir wohl auch nichts darüber erzählt. Weil in dieser Familie in die ich rein geboren wurde, nie geredet wurde. Es ist vielleicht auch gar nicht so wesentlich für mein weiteres Leben. Aber ich denke, es würde mir einiges erklären. Vieles von dem wie und was ich bin. So völlig gegensätzlich, wie es der Mann war, der sich als mein Vater titulierte. Völlig unabhängig davon, wie er mich behandelt hat, er ist und war mir immer fremd.

„Hol’s der Kuckuck!“

In Österreich sind etwa 10% der Nachkommen sogenannte Kuckuckskinder. Kinder, die zwar einen Vater haben, aber eben nicht ihren biologischen. Laut Beitrag vom 10.06.2018 in „Die Zeit“-Online sind es 7%.

Und Männer, die Kinder aufziehen, deren leiblicher Vater sie nicht sind. Frauen, die vielleicht einen Seitensprung gewagt haben. Aus Angst, Scham oder anderen Gründen, dass dabei entstandene Kind den Partner unterschieben. Oder Frauen, die gleichzeitig mit mehreren Männern Sex hatten. Und anschließend nicht mehr wissen, von wem das Kind sein könnte. Eine besonders hinterlistige Angelegenheit, wenn sich Frauen gezielt begüterte oder gutsituierte Väter für ihre Kinder wählen. (Siehe prominentes Beispiel: Falco)

Moralisch betrachtet ist es jedoch immer eine Lüge dem Mann und dem Kind gegenüber. Und ob sich so eine Lebenslüge tatsächlich lohnt, ist fraglich. Natürlich erhebe ich keineswegs über alle Mütter die moralische Keule. Jeder für sich wird es mit sich ausmachen müssen. Doch ich denke mir, dass es für alle Beteiligten auch zu einer sehr schweren emotionalen Belastung werden kann. Und das vielleicht sogar, für ein ganzes Leben lang.
Unabhängig davon, kann es dahingehend aber auch rechtliche Folgen haben.


Die Unterschiebung eines Kindes ist in Österreich eine Straftat (Offizialdelikt), die drei Jahre nach Geburt verjährt – oder wenn das mit Strafe bedrohte Verhalten aufhört. Hebammen sind zur Strafanzeige verpflichtet, wenn sie den begründeten Verdacht einer Kindesunterschiebung haben. Die Verjährungsfrist von 2 Jahren, innerhalb welcher der Putativvater einen Antrag auf Feststellung der Nicht-Vaterschaft begehren kann, beginnt ab dem Zeitpunkt, zu dem er berechtigte Zweifel an seiner Vaterschaft bekommt (§ 158 ABGB)


 

Möglicherweise kann ein Kind bei einem „unechten“ Vater sogar behüteter aufwachsen. Mag sein, dass ihm damit auch viel Leid erspart bleibt. Aber ich glaube, eines Tages wird dieses Kind sich dieselbe Frage stellen wie ich? Woher komme ich eigentlich?
Deshalb denke ich, dass speziell hier die Wahrheit über die leibhaftigen Eltern von großer Wichtigkeit sind.
In einer Zeit, wo Regenbogenfamilien immer häufiger werden, sicherlich eine große Herausforderung an alle Mütter und Väter. Eltern, die zu ihren Kindern stehen. Und Kinder, die ein Recht darauf haben

– „Zum Kuckuck nochmal!“ –

zu erfahren, wer ihre wahren (biologischen) Eltern sind.

Musikalisches, zum Thema habe ich auch wieder gefunden.

Bobby Capo – El Cucu / 1956

Laurel and Hardy „Dance of the Cuckoos“ 1932 (geschrieben von Marvin Hatley)

verfasst am 18.06.2015 aktualisiert am 24.02.2019©Bluesanne

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