Ein Tag eines verprügelten Kindes

Wien, 14.02.2019

Es gibt Tage, wo ich jeden einzelnen Schlag spüre. Jeden der Tritte, Ohrfeigen und brutalen Übergriffe in den ersten achtzehn Jahren meines Lebens. Sie bleiben, ein Leben lang. Egal welche Art der Verarbeitung, Verdrängung, Vergessens oder Therapie auch immer dazu angewandt wird. Sie bleiben. Die unerträglichen Schmerzen. Die Angst.

Der Abstand an Jahren vergrößert sich. Doch die ferne Vergangenheit schleicht sich oft erschreckend nahe an mich heran, dass es sich so real anfühlt, als wäre es gerade eben passiert. Die gesamte Brutalität all dieser Jahre kriecht in mir hoch. Irgendwas hat sie heran gezoomt. Aus einem winzig kleinen Ausschnitt meines Lebens, wird ein enorm großes Plakat. Klebt an meiner Seele.

Ich will es nicht immer wieder ansehen müssen, und schon gar nicht spüren. Wehrlos bin ich ihnen ausgeliefert, so wie damals. Im Gegensatz dazu, kann ich heute sicher sein, dass er mich niemals wieder anrührt.
Nun werde ich mir einen Kaffee kochen, ein wenig Musik hören, den Versuch starten, dieses abscheuliche Kapitel abermals schadlos durch zu stehen. Einen Tag weiter davon entfernen, auch wenn die Trigger wiederkommen werden. Bis dahin, versuche ich die Glücksmomente zu sammeln, die sie Stück für Stück auffressen. Bevor sie mich vernichten.

Im richtigen Augenblick erschienen. Katzen-Sitting. Cosmo. Der wird mich sicherlich ein wenig ablenken, auf andere Gedanken bringen. Zumindest hält er mich auf Trab!. 

Cosmo140219

Anfang der 70er:

Meine Oma weckt mich um halb Sieben in der Früh. Sie muss gleich weg, zu ihrer Arbeit bei der Bahn. Sie putzt dort den Dreck von dutzenden Männern weg. Sie beklagt sich nicht, weil sie froh ist überhaupt arbeiten zu können. Langsam stehe ich auf, mir tut noch alles vom Vortag weh. Aber ich packe wie jeden Tag meine rote Plastikschultasche und mache mich auf den Weg. Wenn die Glocken von der Kirche läuten, weiß ich es geht sich genau aus, dass ich pünktlich bin. Meine Oma hat mir noch ein Schmalzbrot eingepackt. Vor meinem Haus steht wieder dieses alte Motorrad. Es fasziniert mich und ich gehe mehrmals rundherum um es genauer zu begutachten. Aus meinem Staunen werde ich bald hoch gerüttelt, in meinem Kopf höre ich das Brüllen meines Vaters.

Schnell laufe ich weiter. Vorbei an einem großen Gebäude, dass „Pflanzenschule“ genannt wird. Dann muss ich quer über den Tabor, vorbei bei einem Beserlpark wo auch die große Kirche steht. Damals gab es da noch keine Ampel. Doch irgendwie habe ich es immer geschafft, schadlos auf die andere Straßenseite zu gelangen. Nur noch ein paar Schritte und ich bin da. Meine Schule, ein uraltes Gebäude mit einem knorrigen riesigen Holzeingangstor. Ich wurschtle mich durch die Kindermenge und laufe in den ersten Stock. Brav setze ich mich an meinem Tisch. Schön hier zu sein, denke ich. Gespannt warte ich auf die erste Schulstunde. Vom Gang höre ich die Schulglocke, gleich geht es los. Aufmerksam und neugierig lausche ich meinen Lehrern. Es sind ausschließlich, für mich sehr alte Leute. Die Mathematiklehrerin hatte schon meine Mutter unterrichtet. Freunde habe ich nicht wirklich welche. Ich rede kaum etwas. Meist bin ich in meinen Büchern oder Heften vergraben. Ich will alles wissen und vor allem gute Noten. Es fällt mir auch nicht schwer, ich merke mir schnell das Erlernte und bin sehr ehrgeizig. Ablenkung gibt es ja kaum. Den einzigen „Gegenstand“ den ich nicht mag, ist Handarbeiten. Ich finde es langweilig.

In der großen Pause dürfen wir in den grauen Schulhof. Um mich rennen sie herum und ich verspeise mein Schmalzbrot. Ganz selten setzt sich jemand zu mir oder fragt mich, wie es mir geht. Hier in der Schule fühle ich mich wohl. Leider ist der Unterricht meist um 12 oder 13 Uhr schon zu Ende. Akribisch räume ich meine Schultasche wieder ein und schnalle sie wieder auf meinen Rücken. Ich schlendere die Gasse entlang und überlege, ob ich meine Oma bei der Arbeit besuchen soll.

Jetzt muss ich mich aber beeilen, sonst bekomme ich dort nichts mehr zu Essen. Meine Oma arbeitet bei einem kleinen Frachtenbahnhof in den Aufenthaltsräumen für die Mitarbeiter. Da gibt es Duschräume, eine Küche und eine Kantine. Jeden Tag wird dort frisch gekocht. Es ist zwar ein ziemlich langer Weg dorthin, aber es zahlt sich aus. Dort werde ich immer von allen verwöhnt. Das Essen wird frisch gekocht und oft gibt es als Nachspeise eine köstliche Sachertorte. Die Zeit vergeht immer sehr schnell und meine Oma drängt mich, nach Hause zu gehen.

„Wann kommst Du“, frage ich sie. „Na so wie immer, um 6 Uhr abends.“ Da läuten wieder die Kirchenglocken.
Diese Zeitspanne war immer die grausamste. Zu Hause warten, warten bis es Abend wird.

Zusammengerollt liege ich dann schon meist um halb sieben in meinem Bett und starre an die Wand. Es ist ein heißer Sommerabend und draußen strahlt noch die abendliche Sonne. Doch dicke schwere Vorhänge versperren den Schein in den kleinen Raum. Jede Sekunde fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Es besser, wenn ich mich ruhig verhalte. Schnell einschlafen und hoffen, dass ich vor morgen nicht mehr aufwache. Der Geruch von leicht angebrannten Fett und Fisch dringt durch ihre Decke. Aus der Küche höre ich wie das Wasser in die Abwasch fließt und das Klappern von Geschirr. Meine Oma wäscht immer ab, sie tut es gerne, sagt sie immer. Aber eigentlich lausche ich mit einem Ohr, immer in Richtung Eingangstüre. Jedes unbekannte Geräusch erschreckt mich und ich vergrabe mich noch tiefer unter meine Decke. Die Klänge aus der Küche werden immer leiser und ich schlafe endlich erschöpft ein.
Plötzlich, schrecke ich hoch. Ich schlage mir den Kopf an der Wand. Noch ganz benommen von dem Stoß blinzle ich vorsichtig aus meinem Bett. 

Ich sehe wie die Türe zum Vorzimmer zerbricht. Mit einem heftigen Fußtritt in die Glasscheiben donnert mein Vater ins Zimmer. Er knallt die demolierte Türe zu, dreht das Licht an und schreit, wie ein General auf dem Kasernenhof. „Aufstehen und Antreten.“ Mit einem Mal, war die noch bis vor kurzen herrschende Stille, durchbrochen. „Was ist los? raus aus den Betten“, brüllte er. So schnell, wie möglich laufe ich und meine Geschwister, meine Mutter und auch Oma zusammen. „Aufstellen“, war sein nächster Befehl. In einer Reihe stehen wir nun vor diesen völlig besoffenen Mann. Er trägt noch seine Arbeitskleidung, eine Uniform. Schwitzend reist er sich die Jacke vom Leib und schlägt sie mir ins Gesicht. Die silbernen Knöpfe treffen mich genau ins Auge. Ich möchte weinen, doch mein Vater brüllt: „Halt, ja den Mund!“. Dann packt er mich mit seinen groben Händen an den Haaren und drückt mich auf den Boden. „Wieso ist es hier noch so dreckig?“. Ich schweige und würdige ihm keinen Blick. Ich liege noch kauernd auf der Erde, will gerade aufstehen, doch da tritt er brutal mit dem Fuß auf meinen Rücken. Leise wimmernd bleibe ich liegen. Wie ein ängstliches Tier, stelle ich mich Tod.

Der Vater wendet sich von mir ab und packt seine Schwiegermutter am Kinn und zerrt sie so in die Küche. Alle anderen bleiben regungslos in dem kleinen Wohnraum stehen. Oma fleht ihn an: “Hör auf!“ Doch er packt sie am Nacken und drückt sie auf den Herd. Dort steht die Eisenpfanne mit dem vom Abendessen übriggebliebenen Fischstäbchen. Während er sie mit der einen Hand am Hals festhält, nimmt er mit der anderen Hand eines der Fischstücke aus der Pfanne. Mit brutaler Gewalt drückt er ihr das Essen in den Mund. „Das soll ein ordentliches Essen sein“, schreit er während er Oma ein Stück nach dem anderen in ihr Gesicht schmiert. Ihre Brille fällt zu Boden. Gott sei Dank, bekommt der besoffene stinkende Mann, Vater, Schwiegersohn, Ehemann das nicht mit. Omas Brille war schon etliche Male zu Bruch gegangen und wurde nur durch ein Klebeband zusammengehalten. Sie sieht ohne Brille kaum etwas und tastet sich hilflos an der Kredenz entlang. Bevor sie noch flüchten konnte, packt er sie abermals und schlägt ihr mit geballter Faust ins Gesicht. Oma stürzt benommen auf den Herd und die Pfanne fällt auf den Terrazzoboden.
Er verlässt das Schlachtfeld mit seiner verzweifelten Schwiegermutter, meiner Oma und sucht sich sein nächstes Opfer. Ich klettere winselnd die Leiter des Stockbettes hoch. Mit Schmerzen und vertrockneten Tränen verkrieche ich mich wieder unter meiner Decke. Starre wieder die Wand an und wage kaum zu atmen. Doch ich weiß, wenn das laute Schnarchen aus dem Nebenraum erklingt, ist es vorbei. Für diesen Tag zumindest. Meine vier Geschwister, die im selben Raum schliefen, verstecken sich ebenfalls unter ihren Decken. Oma klappte ihr Bett am Fenster auf und legte sich voll bekleidet hinein. Es kehrt wieder Stille ein. Ab und an lausche ich, ob das Schnarchen des Vaters regelmäßig klingt. Nur so, kann ich sicher sein, dass es nicht erneut zu Ärger kommt. Diese Gewaltorgien waren Alltag. Manches Mal wurde die halbe Wohnungseinrichtung demoliert. Wir alle wurden verprügelt. Einen wirklichen Grund oder eine Ursache gab es nicht. Die fadenscheinigen Beschuldigungen meines Vaters waren wohl für ihn ein Vorwand um seine Brutalitäten zu begründen.

Und ehrlich gesagt, ich habe mich auch nie gefragt, warum? Es war einfach so. Selbst als wir dann in eine größere Wohnung gezogen sind, wo wir Mädchen (3) und die Burschen (2) ein eigenes Zimmer hatten, war es nicht vorbei. Nein, ich denke es war noch viel schlimmer. Keine Ahnung, wie oft ich mich am Geländer des Balkons im 6.Stock verzweifelt geklammert hatte. Mit seinem doch beachtlichen Gewicht und der rasenden Wut hob er mich über die Brüstung und wollte mich runter schmeißen. Entsorgen. Ich habe im neuen sehr komfortablen Badezimmer nie gebadet. Selbst, wenn ich die Türe verschlossen hatte, verschaffte er sich gewaltsam Zutritt. Entweder verpasste er mir eine eiskalte oder brennheiße Dusche aber so, dass ich kaum noch zu Luft kam. Der Kampf in der Badewanne war immer wieder schrecklich. Die harten Stürze, immer wieder ausrutschen, auf die Fliesen knallen. Wie ein kleiner Käfer, der in einer Pfütze verzweifelt ums überleben kämpft. Auch die sexuellen Übergriffe fanden oft im Bad statt. Mit dem Kopf unter Wasser. Aber diese schrecklichen Bilder habe ich noch nicht parat, weil ich es noch nicht schaffe, sie mir an zu sehen. Unzählige andere Momente sind wohl ebenfalls noch im Dunkeln und ich weiß nicht ob je alle zum Vorschein kommen werden.

Aber wenn ich, wie gestern Nacht mit diesem Bericht aus den Medien, konfrontiert werde, dann kriechen sie in mir hoch. Und mit ihnen das Zittern, die Angst, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein, die Machtlosigkeit, der Schmerz, die Verzweiflung. Das schlimme daran, es hört nie auf. Auch wenn man denkt, es ist vorbei. Nein, es ist nur zugeschüttet. Missbrauch, Gewalt in der Familie, Prügel und derlei ähnlicher Vokabel sind lediglich Schlagworte in den Medien, die nie das beschreiben können, was es tatsächlich bedeutet. Nicht nur im Augenblick der Gewalt, dass was danach kommt ist ebenso grausam und kaum in Worte zu fassen.

Ich weiß, keiner will es mehr hören. Es ist so wie die unsagbar abscheulichen Geschehnisse aus den Kriegen. Fast schon genervt überhört oder überblättert man diese Kapitel.
Wenn diese Qualen zur geschehenen Vergangenheit gehörten, dann wäre das in Ordnung. Doch sie sind noch immer in der Gegenwart. Und darum muss es leider weiter zur Sprache gebracht werden. Viel zu viele schweigen.

So wirklich eine Lösung habe ich nicht, weil die Vision von Liebe Frieden Toleranz Akzeptanz Freiheit wird nur belächelt und als unmachbar abgetan.
Ich weiß nur eines, vor zwei Tagen dachte ich, jetzt ja jetzt bin ich einen Schritt weiter. Doch nun bin ich wieder zwei Schritte zurück. Wieder in die Höhle unter der Decke verkriechen. Die Angst hat mich wieder.
Gut, dass ich morgen Therapie habe.
…diesen Bericht ging ein gewaltiger Ausbruch voran, bis ich überhaupt in der Lage war zu tippen...Gewaltiger Fehler!

verfasst am 01.12.2014 ©Bluesanne aktualisiert am 14.02.2019

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