Berufswunsch: Christkind

Wien, 18.11.2019

Die Stille Zeit bahnt sich mit lauten Getöse via medialer Aufdringlichkeit in unseren Alltag. Alljährlich schwören wir uns, früher diverse Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Und immer wieder rennen erneut Menschenmassen durch die prunkvollen Einkaufszentren der Stadt um in letzter Sekunde noch das passende Geschenk für unsere Lieben zu ergattern. Die Jagd nach entsprechenden Präsenten setzt sich mittlerweile in ebenso exzessiver Art und Weise in der virtuellen Welt weiter fort. Nur, dass es halt körperlich nicht so anstrengend für uns ist. Außer für diejenigen, welche Millionen von Paketen verpacken, liefern und schleppen müssen.

Nun, über die Sinnhaftigkeit des kollektiven Geschenkekaufrausches kann man natürlich streiten, aber eines ist doch positiv daran; es ist doch schön den Mitmenschen eine kleine Freude mit kleinen Aufmerksamkeiten zu bereiten, oder? Geben ist seliger als Nehmen, oder?

Ein sehr angenehm zufriedenes Gefühl überkam mich vor ein paar Wochen, als ich nach sehr langer Zeit, wieder einmal die gesamte Rechnung für meine Freundin und mich im Kaffeehaus übernehmen konnte.

Ach, wäre das wunderbar noch viele solcher wohliger Momente zu erleben, den anderen zu beschenken. Egal, ob es nun materielle Dinge sind oder einfach mit dem glücklichen Ausdruck im Gesicht, wenn der andere sich über mein Geschenk freut!

 

Ich glaube es war vor 3 Jahren (aktuell mittlerweile bereits vor sieben Jahren), kurz bevor ich komplett zusammen gebrochen bin, da dachte ich mir: 

Christkind, das wäre doch ein Traumberuf.

Besonders in Hinblick, nein aufs genaue Draufschauen, was Menschen wirklich bewegt. Was Menschen das Leben erschwert. Trotz allen mit viel Kraftaufwand, fast schon erzwungenen Positivismus versuchen durch zu halten um weiter zu machen. Mit unzähligen Ablenkungsmanövern die negativen Dinge im Leben erschlagen. Niederdrücken und Unterdrücken. Bis es nicht mehr geht. Obwohl oder auch gerade weil mein Vater ein schwerer Alkoholiker ist, habe ich nie meine Sorgen beim Saufen ertränkt. Ich sage mir: „Wenn ich Alkoholiker bin, darf ich gar nichts mehr trinken“. Und weil ich mir aber diese Freiheit nicht nehmen lassen will, trinke ich nur des Genusses wegen. Drogen waren auch nie ein Thema. Vielleicht hatte ich da Glück, ich war nie direkt damit konfrontiert, obwohl ich in einem nicht gerade „feinen“ Teil von Wien aufgewachsen bin. Das eine oder andere Mal, bot mir eine Schulfreundin so eine seltsam riechende Zigarette an. Weil ich aber äußerst empfindlich bin, was Gerüche betrifft, habe ich auch das abgelehnt und bis heute auch nicht ausprobiert. Es interessiert mich nicht. Kurz hatte ich eine Phase, da warf ich mir viel zu viele Schmerztabletten ein. Zahnschmerzen und Migräne waren schon immer eifrige Begleiter. Diese haben mir damals ziemlich den Schädel vernebelt und mir das Lernen erschwert. Weil ich aber eine Streberin war und bin, habe ich auch das gelassen.

Doch irgendwas braucht der Mensch um den ganzen Frust, die Wut, die Verzweiflung, die Trauer, die Angst, die Panik, die Einsamkeit und viele andere furchtbare Dinge zu verarbeiten. Manchmal hilft es, anderen zu helfen. Dafür braucht man aber selbst sehr viel Kraft. Manchmal hilft Sport.

Ich habe meine Malerei meine Musik, meine Buchstabenzusammensetzrituale, meine Therapeutin und eine Allerliebste Freundin. Eigentlich jede Menge, um über die Runden zu kommen.

Jedoch habe ich auch die Veranlagung sehr oft den Schmerz anderer Menschen viel intensiver zu spüren, als meinen eigenen. Das kann ich nicht kontrollieren und oft erkenne ich nicht wirklich einen Zusammenhang, weshalb ich da so sensitiv reagiere.

Kurz ein Beispiel:
Ich fuhr in der U-Bahn zu meiner Therapeutin. Der Zug blieb auf der Strecke immer wieder stehen. Es kam die Durchsage: „Auf Grund einer Erkrankung eines Fahrgastes kommt es zu Verzögerungen!“ Da begann mein Herz schon zu rasen. Ist da jemand vor den Zug gesprungen? Langsam tuckerte die Bahn weiter durch den finsteren Tunnel. Plötzlich blickte ich in die hell erleuchtenden Fenster der U-Bahn an der wir gemächlich vorüber fuhren. Leer, kein Fahrgast, doch dann 4 rot gekleidete Menschen, die sich auf den Boden beugten und sich scheinbar einer Person zu wandten. Kaum hatte ich das gesehen, bastelten sich im Kopf rasend schnell Bilder zusammen. Sanitäter – Mensch zusammen gebrochen – verletzt – Herzinfarkt – tot – Wiederbelebung! Augenblicklich schossen mir Tränen in die Augen. Ich setzte sofort meine Sonnenbrille auf. Versteckte mein nasses Gesicht. Bis heute, habe ich keine Ahnung, weshalb ich derart betroffen war.

Aber es geht mir sehr oft so. Helfersyndrom?
Ein wirklich guter Freund meinte einmal ich sei altruistisch veranlagt. Unterm Strich, was gäbe ich drum die Welt zu retten und die Bewohner obendrauf!

Und wer könnte diesen „Job“ übernehmen,  zumindest für den Anfang besonders gut:

Das Christkind.
Auch wenn es vielleicht ein wenig antiquiert sein mag, ich finde es ist ein besänftigender Gedanke. Mit viel Mühe und Liebe bemalen Kinder ein Blatt Papier und schreiben ihre Wünsche, in krakeligen Buchstaben oft mit vielen Rechtschreibfehlern gespickt, ans Christkind.
Das Christkind hat ja in Österreich sogar ein eigenes Postamt.
Was spricht dagegen, dass wir als reife Erwachsene meist völlig ungläubige und pragmatisch logisch denkenden Menschen auch eine Wunschliste absenden? Und wenn schon nicht ans Christkind, dann vielleicht einen Brief in eine Flasche stecken und ins Wasser werfen. Braucht ja niemand davon erfahren, wie naiv kindlich Du bist 😉
Man kann ja nie wissen, was geschieht!
Vielleicht erfüllt sich ja mein Berufswunsch!

verfasst am 13.11.2014 ©Bluesanne aktualisiert am 18.11.2019

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