EISIGER SOMMER ODER 3 STUNDEN FROST IM JULI

Sa.22.07.2006 / 14 – 17 Uhr

Das waren jene Temperaturen, welche sie so liebte. Jene, bei welchen ein großer Anteil der Bevölkerung nur noch stöhnte und sich unter weit aufgespannten Sonnenschirmen zurückzog. Mit einem eisgekühlten Getränk ausgestattet im Gänsehäufel, im Schrebergarten oder einfach nur auf Balkonien die Flucht ergreifend, verzweifelt suchend nach einem schattigen Plätzchen. Darum war sie heute besonders fröhlich und gut gelaunt. Diese gute Stimmung übertrug sich, auf die Auswahl der Kleidung.

Ein roter Minirock mit großen Blumen, die einen Hauch von Hawaii übermittelten. Darunter, ein Hauch von Höschen, gerade eben so groß, dass das Stück Stoff nicht auseinander fiel und dennoch nicht das Gefühl von völliger Nacktheit an den exponierten Stellen gab. Als Oberteil wählte sie ein einfaches, ärmelloses und weißes T-Shirt. An den Füßen trug sie ebenso simple weiße Stoffturnschuhe. Derart befreit fuhr sie zum vereinbarten Treffpunkt bei der U-Bahnstation Kagran. Er kam pünktlich.

Kurz entschlossen gingen sie in Richtung Alte Donau. Entlang der U-Bahntrasse. Es fiel ihr da schon auf, dass er besonders angespannt war. Als sie ihn vor knapp einem Monat kennen lernte, machte er einen sehr entspannten und sympathischen Eindruck. Stundenlange Gespräche hatten sie seitdem geführt. Intensiv, oft bis an die Substanz gehende Diskussionen. Informationen aufsaugend, wie immer, wenn Sie jemand traf, von dem sie annahm, dass es ein spannender Mensch sei. Er, knapp zwei Meter hoch, blond mit leichten gräulichen Einwuchs, etwas längere Haare zu einem Zopf zusammengebunden, schlank und immer sehr gut gekleidet. Alles schien bis zu diesem Zeitpunkt völlig normal zu sein.

Der Weg an der Alten Donau wurde jedoch beschwerlich. Das Gespräch stockte oft. Sie war da, schon etwas reserviert an seiner Seite gegangen. Als sie dann etwa auf halber Strecke in Richtung Stadlau in einen dieser kleinen Gastgärten Platz nahmen, war sie eigentlich schon drauf und dran, kehrt zu machen. Hätte sie es nur getan. Die folgenden Momente würde sie sicherlich nie wieder in ihrem Leben vergessen. Den Wortwechsel, der nun stattfand, würde fast jeder halbwegs vernünftige Mensch, vielleicht als angeregtes Gespräch betrachten. Eine verbale Auseinandersetzung verschiedenster Ansichten über das Leben und deren Facettenreichtum. Es fielen keineswegs beleidigende Worte, sie schrien sich auch nicht an, niemand bedrohte den anderen in irgendeiner Form, dennoch war da innerhalb kürzester Zeit Eiseskälte zwischen diesen beiden Personen entstanden. Immer öfter sah sie sich Hilfe suchend nach positiven Einflüssen in ihrem Blickfeld um.

Es lief fröhliche Musik, sie hörte sie kaum noch. Eine Geburtstagsgesellschaft feierte ihren Jubilar, nur einen Augenblick, bekam sie das mit. Die Sonne stand noch immer am Himmel und schickte ihre heißesten Strahlen in diesem Sommer; sie fror. Zitterte und flehte innerlich, dass dies bald ein Ende nahm. Sein Blick, war der eines bösen Wesens. Wenn man an den Teufel glaubt, dann war er es, leibhaftig. Seine Mimik wurde zu einer arktischen Landschaft, in welcher man nur noch eckige, kantige, scharfe und starre Charaktereisblöcke sah. Diese unbeschreibliche klirrende Kälte drohte sie innerhalb von kürzester Zeit erstarren zu lassen. Ihre Gedanken kannten nur mehr einen Weg – weg von hier – fort von dieser schaurigen Gefühlsleere, die ihr da entgegen wehte.

Fast schon am anderen Ende des Tisches angelangt, rief sie den Ober, um zu zahlen. Sie wollte nur noch zurück in die Sonne, das Eis, welches sie kurzfristig apathisch werden ließ, zum Schmelzen bringen. Vieles hatte sie schon empfunden in ihrem Leben, Schläge, Rückschläge, Ignoranz, Ablehnung, Gewalt, Krankheit, Schmerz. Jedoch diese Art von Grausamkeit in kaum sichtbarer und begreiflicher Form, war neu. Erschreckend und wahrscheinlich schlimmer als sich das je ein Mensch vorstellen kann. Vor allem dann, wenn man eine absolut positiv denkende und handelnde Person ist. Nicht einmal der stärkste seelische Sonnenstrahl hätte diese unmenschliche Kälte nur irgendwie um einen Grad aufwärmen können. Ewiges Eis. Eine verlorene Seele.

verfasst am 22.07.2006©Bluesanne

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