Nylons, Russentechno & Beerenauslese

Freitag, 26. Mai 2006

„Moj Marmeladny“

dröhnte und hämmerte aus den völlig überforderten Boxen des PCs. Ein ebenso völlig überlasteter Tisch breitete sich vor ihren Augen aus. Wenn dieser nicht aus einer stabilen Steinplatte bestehen würde, wäre dieser schon längst unter der Last der aufgetürmten CDs, Bücher und sonstigen Utensilien zusammengebrochen. Draußen tobten die kalten Winterstürme. Die Bäume wankten vor dem Fenster im Schein einer Laterne und man hatte das Gefühl im nächsten Augenblick krallen sich die Äste am Fenstersims fest und kriechen die Mauer entlang in den Raum.

Nichts hatte sich seit dem letzten Besuch geändert. Das wird es auch in Zukunft nicht tun. Das ahnte sie schon. Es war ein Ritual. Jedes Mal war es schon finstere Nacht, oft weit nach Mitternacht. Eine Reise quer durch die ganze Stadt hatte sie dabei immer hinter sich gebracht. Aufgepeitscht im Auto durch laute, pochende Musik. Sie brachte sich damit in Stimmung. Meist hörte sie das, was beim letzten Besuch als Untermalung gespielt wurde. Am Beifahrersitz, meist ein bis zwei Taschen vollgepackt mit Wein, Knabbereien, Süßigkeiten, CDs und was sonst noch so gebraucht wurde. Benötigt für ein Spiel, welches von Beginn an immer spannend und prickelnd war.

BeerenausleseDer Kaffee wurde serviert. Fix und fertig mit Milch und Zucker, umgerührt. Das Zimmer war trotz, nicht funktionierender Heizung warm. Der Raum war nicht groß. Der PC und zwei Lampen reichten um eine angenehme Temperatur zu schaffen. Sie war sehr kälteempfindlich. Wie die meisten Frauen. Deshalb war es auch eine Überwindung mit den Nylons und Straps bei eisigen Temperaturen unterwegs zu sein. Meist zog sie vorsorglicher Weise eine Hose drüber. Abgesehen von der Kälte, wollte sie nicht von neugierigen Hausbewohnern beobachtet werden, wie sie außer Haus ging.
Ein Teil dieses reizvollen Spieles war das Leeren der Tasche im Laufe des Abends. Einen Rock, der kaum den Arsch bedeckte. Raffiniert auch deswegen, weil er zum Umwickeln gedacht war und lediglich zwei Knöpfe besaß. Meist noch bevor die erste Flasche mit Beerenauslese Kracher-No7 geöffnet wurde, saß sie ihn schon mit leicht geöffneten Beinen gegenüber.

Die russischen Frauen sangen leidenschaftlich und die fremden Wörter erregten sie sehr. Sie liebte Fremdsprachen. Sang mit, obwohl sie kaum ein Wort verstand. Hielt ihn beharrlich ihre weiblichen Reize hin. Die Nylons, waren das Hauptobjekt seiner Begierde. Seine Augen strahlten beim Anblick, der im dumpfen Licht schimmernden Strümpfe. Er hielt permanent Augenkontakt mit den 2 x 102 cm langen Objekten seiner Begierde. Haut sah er nur im Ansatz. Ab und an guckte kess ein Band des Strapses hervor.

Echte NylonsHeute hatte sie sich etwas ganz besonders für ihn ausgedacht. Sie hatte ein Torselett gekauft (als Weihnachtsgeschenk an sich selbst). Sie freute sich schon insgeheim auf den Moment, es ihm zu zeigen. Doch davor kam ja noch das obligatorische Öffnen der Flasche. Süßwein. Beerenauslese, welche vorwiegend aus dem Burgenland kam. Er hielt die schmale 375 ml Flasche an den Rand des Glases, und legte sein Ohr ganz nahe dran. Er liebte dieses Geräusch des ersten Tropfens beim Einschenken. „Nastrovje!“ Sie prosteten einander zu. Das süße, gelbe dickflüssige Getränk streichelte sanft ihre Gaumen. Er wagte nun endlich seine Hand über die, auf seinen Schoss platzierten Füße, gleiten zu lassen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein blank rasiertes Haupt und die echten Nylons mit Naht glänzten um die Wette. Das besondere an diesen Strümpfen war, dass sie lebten, wie er meinte. Jede kleinste Bewegung, verwandelte das Bein in eine andere Formation. Sie seien wie ein Kaleidoskop. Inspiration für jeden Künstler.

Dieser Abend, sollte etwas anders, als die Vorangegangenen ablaufen. Auch wenn nach der ersten Flasche, die nächste geöffnet wurde. Sie konnte es kaum erwarten, ihm endlich ihr neu erworbenes Darunter zu zeigen. Sie nützte den Augenblick, als er kurz in der Küche verschwand und streifte die Bluse, die ohnehin schon bis zum Brustansatz geöffnet war, ab. Legte sie sorgfältig neben sich hin. Als er retour kam, hatte sie schon Angst, er könne gleich in Ohnmacht fallen. Er fiel in sein Sofa. Lehnte sich zurück und versuchte noch schnell die mitgebrachte Flasche zu öffnen. Aber eigentlich war das schon nebensächlich. Die russische Musik dröhnte nach wie vor pulsierend durch den Raum. Es schien, als würde es mit einem Moment um etliche Grade heißer geworden sein.

Er sagte zu ihr: „Lass mich Dich betrachten“. Das waren die letzten Worte, für die kommende volle Stunde. Sie sahen einander nur noch an. Es war als sendeten sie einander Botschaften. Erotische Botschaften. Sie versuchte die Blicke zu deuten. Es war Bewunderung. Als würde er vor einem Meisterwerk im Centre Georges Pompidou stehen. Gleichzeitig hingerissen von der Schönheit und fassungslos es so nahe betrachten zu dürfen. Ab und an griff sie langsam zum Glas oder steckte sich behutsam eine Zigarette, in den mit Lippenstift bemalten Mund. Sie wagte sich kaum zu bewegen. Es war zu ergreifend. Es war als hätte sie sich in eine Statue verwandelt. Nein, eher eine Schaufensterpuppe. Sie fühlte sich dabei aber keineswegs tot. Im Gegenteil. Sie bebte innerlich. Die vibrierenden Basstöne aus Russland verstärkten all das. Die Beerenauslese streichelte ihren Gaumen, und es war als floss sie hinab, abwärts bis zwischen ihre Beine. Sie hatte Mühe die Schenkel nicht zu spreizen, um ihn zu zeigen, wie sehr sie ihn begehrte.

Er saß voll bekleidet in seinem Ohrensofa und es kam ihr vor als würde er völlig paralysiert seinen Phantasien nachhängen. Im Raum herrschte eine Atmosphäre, als würde jeden Augenblick ein Blitz einschlagen, ein Feuerwerk losgehen, an einem Christbaum unzählige Sternspritzer angezündet werden und all das unter lodernden Flammen verbrennen. Russische Tangomusik. In diesem Augenblick schloss sie ihre Augen. Hob wieder einmal ab, in eine völlig irreale Welt. Eine Welt mit all den Genüssen die sie so liebte.
Niemals zuvor hätte sie gedacht, auf solche Art, befriedigt zu werden. Eine völlig neue Erfahrung. Alles was anschließend kam, war nur noch ein Nachspiel, ein Ausklang, ein krönender Abschluss zum Einschlummern in die Traumwelt des Schlafes.
Die beiden Flaschen der Beerenauslese standen am nächsten Morgen geleert auf dem Tisch, die Russen waren verstummt und die Nylonnaht ein wenig verrutscht.

Echte Nylons

Katya Lel‘ – Moj Marmeladny / 2004

„Russentechno“ – Musikauswahl

verfasst am 26.05.2006, 09.11.2014 aktualisiert am 17.04.2020 ©Bluesanne

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