Die Jury

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Wien, 05.03.2019

Keine Ahnung, wie viele Bewerbungen ich im Laufe meines Lebens schon geschrieben habe. Für mich und vor allem für viele Menschen, die ich beruflich unterstützt habe. Etliche Schulungen habe ich ebenso zum Thema: „Wie bewerbe ich mich richtig?“ belegt. Die Art und Weise wurde im Laufe der Jahre komplizierter, aufwändiger und war zeitintensiv. Das Prozedere an sich war schon reinste Arbeit und die Kosten für die entsprechenden Unterlagen stiegen zunehmend. Gut, dass ich das nicht mehr tun muss, zumindest für mich selbst. Ab und an helfe ich noch Freunden dabei.

Jetzt schreibe ich vorwiegend Bewerbungen für Ausstellungen, Veranstaltungen im kulturellen Bereich und suche passende Wände für meine Bilder leere Seiten für meine Alltagsphilosophie. Derlei Anfragen kann ich ein wenig kreativer gestalten. Manchmal gibt es bestimmte Vorgaben bezüglich der Unterlagen, die benötigt werden. Aber eines haben derartige Anfragen gemein, die Zeit nach dem absenden. Das Warten auf Antwort. Werde ich eine Chance bekommen? Werden Sie meine Kreativität schätzen? Werden Sie überhaupt retour schreiben?

Beim Verfassen und Absenden bin ich noch voller Zuversicht, überzeugt mein Bestes gegeben zu haben und keinerlei Zweifel überkommen mich, nicht gewählt zu werden. Je länger die Wartezeit dauert, desto mehr sinkt die Hoffnung auf Erfolg. Die Ungewissheit aktiviert die unterschiedlichsten Vorstellungen, meine Gedanken spinnen geisterhaft durch meinen Kopf und erfinden neue Geschichten. 

Wie die Folgende. Über die Menschen, die meine Bewerbung beurteilen und anschließend entscheiden.



 

Die umsichtige Sekretärin des Hauses rückt die letzten Flaschen Mineralwasser auf dem Tisch zurecht. Sie macht einen Schritt zurück um nochmals zu überprüfen, ob auf jeden der Plätze auch alles korrekt aufgestellt ist. Zehn Personen werden erwartet. Sie wollen gut versorgt sein in den nächsten Stunden.

Niemand weiß wie lange so eine Sitzung tatsächlich dauert. Da möchte dann mittendrin keiner aufstehen und nach der nächsten Tasse Kaffee rufen. Einige der Teilnehmer haben Tee bestellt. Eine große Kanne mit heißem Wasser nebst umfangreicher Auswahl an unterschiedlichsten Teebeutel steht ebenso bereit. Bunte Kuchenstückchen reihen sich an die Vielzahl von fruchtigem Kleingebäck. Mundgerechte Stückchen, jedes einzelne für sich eine süße Verführung. Die Gesellschaft soll sich ja wohl fühlen.

So eine Besprechung ist oftmals sehr kräfteraubend. Selbst mit einem vorgegebenen Protokoll, kann sie schon mal aus den Fugen geraten. Bei der vergangenen Unterredung konnte die Sekretärin sogar durch die verschlossenen Türen die lautstarken Wortduelle mit verfolgen. Richtig erschrocken ist sie dann, als sie das klirrende Geräusch eines zerbrechenden Glases vernahm. „Schmeißen die sich schon das Geschirr an den Kopf?“, fragte sie sich verdutzt.

Die ersten Juroren treffen ein. Sie begrüßen höflich, aber zurückhaltend die Sekretärin. Diese fragt nach, ob es denn noch Wünsche gäbe. Hektisch blickt der eine oder andere in den Sitzungsraum. Doch es scheint alles zur Zufriedenheit zu sein. Einige teilnehmende Damen des Kollegiums sind etwas kritischer und begutachten das dargebotene Klausurbuffet eingehender. Bis auf ein paar kleinere Details, scheint auch den weiblichen Preisrichtern alles zu gefallen. Sie sind sehr kritisch, die Damen und Herren der Jury.

Sessel werden hektisch zurecht geschoben. Die Menge ist in Bewegung und jeder sucht seinen vorgesehenen Sitzplatz. Einige Teilnehmer breiten sich mit ihren zahlreich mitgebrachten Utensilien vor sich auf dem Tisch aus. So werden dem Tischnachbar unsichtbare Grenzen gesetzt. Der Laptop wird aufgeklappt, edle Füllfederhalter sichtbar daneben platziert, Notizblöcke und dicke Terminkalender.

 

Der Vorsitzende hat lediglich ein kleines, ziemlich abgegriffenes Büchlein mitgebracht. Ein unscheinbar wirkendes Teil in schwarzen dicken Karton gehüllt. Sicherlich schon etliche Jahre alt, dennoch scheint es unverwüstlich zu sein. Die vielen leicht vergilbten Seiten, mit feinsten Fäden zusammengebunden, sind übervoll mit Bleistift geschriebenen Einträgen. Aus der Ferne sehen diese wie kleine Kunstwerke aus. Der Sprecher der Jury streichelt es liebevoll, bevor er das rote Lesezeichenband aus den Seiten zieht. Er schreibt kurz ein paar Worte mit seinem abgekauten Bleistift auf die geöffnete Seite.

Die Dame zu seiner Rechten sieht ihm dabei interessiert zu. „Was gäbe ich drum, einmal da rein lesen zu dürfen“, meint sie frech lächelnd. Der Vorsitzende hebt langsam den Kopf und schaut die Sitznachbarin geheimnisvoll an. Der Blick ist ebenso rätselhaft zu deuten, wie wohl das Gekritzele in seinem weisen Büchlein.
Die bunte Jurorenrunde hat sich schön langsam auf ihren Sitzplätzen eingerichtet. Klappernde Kaffeelöffel und kurzweilige Gespräche sind zu hören. Die Sekretärin huscht ein letztes Mal durch den ehrwürdigen Raum. Frau Schilling fügt noch einige Servietten zu den ohnehin schon ausreichenden Haufen. Überprüft mit ihrem Adlerauge noch die Schale mit dem Zuckerwürfeln darin, Löffel, Gäbelchen, Tassen, kleine Teller, Dessertteller, Gläser, ach…da fehlt ein Flaschenöffner. Einige der Herren genehmigen sich gerne ein Bierchen.

Im Laufschritt huscht sie noch schnell in die nebenan liegende Küche. „Geh Frau Grosch….äh, Frau Schilling ich bräucht noch ein Schnapserl“, ruft ihr die jüngste Dame in der Runde nach. Frau Schilling zwinkert ihr zu:„Gerne, den von letzten Mal?“ Kichernd folgt das Mädel, älter als zwanzig ist sie wohl nicht, in die Küche. Dort kippt sie gemeinsam mit der Sekretärin das brennende Stamperl runter. Es scheint ein Ritual zu sein.
Ein Herr mit dichtem Bart, kraus gelockten Kopfhaaren und etwas abgetragener Ledertrachtenjacke sieht dem Szenario amüsiert durch die Türe zu. Sein Sitznachbar stößt ihn grinsend mit dem Ellenbogen an. Ein Mann, Mitte Dreißig in edlem Anzug und streng sitzender blaugestreifter Krawatte. Scheinbar zu straf gezogen, denn sein Kopf leuchtet knallrot. „Also, das Fräulein Löhlein, gibt´s sich’s heute wieder“, und geifert dabei wie eine auf Beute lauernde Katze. Seine Nachbarin, eine elegant gekleidete Endfünfzigerin schüttelt empört den Kopf. Sie widmet sich lieber der vor ihr zahlreich aufgestapelten Lektüre. Unterstreicht da und dort einige Zeilen mit dem gelben Marker.

Kurzerhand geraten ihre Sitznachbarn, zwei Herren aus der Gattung „frisch von der Uni“ in ein kleineres Sprachscharmützel. Doch es ist harmloser als es scheint, sie sind halt etwas hitziger die jungen Herren. Diesen lauschen zwei jungen Damen. Sie sehen aus wie Zwillinge. Blonde lange, etwas zu dünne Haare, diskret geschminkt, unauffällig in Mode von der Stange gehüllt. Die Jeans an ihren Beinen liegt zwar hauteng an, jedoch wenn man den oberen Teil ihres Körpers nicht betrachtet, könnte man meinen, es sind zwei Jungs. Leise, fast flüsternd geben sie diverse Kommentare zu und über die jungen Männer von der Uni ab. Diese ähneln sich auch in ihrem Aussehen, so wie in ihrer Gestik. Immer die schicke dunkel umrahmte Retro-Brille zurechtrückend. Erstaunt, fast schon entsetzt zeigt die eine Blondine der anderen das entdeckte Tattoo auf dem Mittelfinger des einen Uni-Jungen. War es tatsächlich dieses anstößige Sujet, was sie zu sehen glaubten. Kichernd halten sie ihre blonden Köpfe zusammen.

Mittlerweile tritt auch wieder Frau Löhlein, scheinbar ein wenig wankend in den Raum ein. Sie richtet sich diskret ihren engen Rock zurecht und nimmt neben dem Vorsitzenden Platz. Langsam verstummt das Gemurmel. Irgendwer zischt ein lautes „Pscht“ über den blank polierten Mahagonitisch. Der Anzugträger mit strenger Krawatte giert nach einem Blick von Frau Löhlein. Doch die ist längst mit ihren langen, knallrot lackierten Fingern an den Tasten ihres Laptops. Immerhin ist sie für das Protokoll dieser bedeutenden Kommission zuständig. Auch wenn man ihr es nicht ansah, sie ist sehr gewissenhaft und loyal in ihrer Arbeit. So manche Frau neidet ihr das, vor allem die Dame zwei Sitze weiter. Jene, die sich immer wieder an den Vorstand heranschleicht und fast bettelnd um Aufmerksamkeit fleht. Sicherlich, sie hat die bessere Ausbildung, sie sieht ein wenig gesitteter als Frau Löhlein aus, aber dennoch hatte sie nicht den Schneid. Den Instinkt, denn es nun mal auch in dieser Position brauchte.

Der Vorsitzende ließ sich durch diese weiblichen Konkurrenzkämpfe niemals beeindrucken. Unparteiisch und charmant vermittelte er beiden Damen, wie unersetzlich jede von ihnen doch in ihrem Job sei. Der Krawattenmann klimpert mit dem Kaffeelöffel hektisch auf sein halbvolles Weinglas. Auf seinem Hemd befindet sich mittlerweile ein feuchter Fleck. Verzweifelt hatte er versucht diesen auf der Toilette zu entfernen. Nun strahlte er hell rosa mitten auf der Brust. Passend zu seiner Gesichtsfarbe, die immer wie ein rotbackiger Apfel strahlte.

 

Der Mann mit dem weisen Büchlein und den zerklüfteten Bleistift erhebt sich feierlich. Er dankt der Runde für das zahlreiche Erscheinen, wünscht einen sonnigen und erfolgreichen Tag. Er bittet Frau Löhlein höflich, die nominierten Mitstreiter des Wettbewerbs vorzulesen. In alphabetischer Reihenfolge trägt sie die Namen vor. Die Runde der Juroren macht sich teilweise Notizen. Der Mann mit Rauschebart und der enormen Haarpracht kramt nach einem Schreibgerät in seinem abgenutzten Rucksack. Der Leiter der illustren Preisrichterrunde bittet nun die Teilnehmer ihre Statements vorzutragen.

Es wird ein langer Nachmittag, der bis in die frühen Abendstunden reicht. Der Kaffee ist mittlerweile kalt. Das Teewasser lauwarm. Vereinzelte Brösel der zu Beginn so kunstvoll dargebotenen Mehlspeisen liegen verlassen auf den Tabletts herum. Dutzende leere und halbvolle Gläser haben den auf Hochglanz polierten Sitzungstisch in ein fleckiges Holzbrett verwandelt. Zu kleinen Flieger gefaltete Servietten haben ihren Landeplatz auf so mancher Kaffeeschale gefunden. Etliche zerknüllte Papierkügelchen drapieren sich bunt um das gebrauchte Geschirr. Diesmal ist nichts zu Bruch gegangen. Doch auf dem Teppichboden klafft ein großer roter Fleck. Da wo der Krawattenmann seinen Platz hatte. Unter der Tischkante findet Frau Schilling einen noch feuchten schon etwas gehärteten Kaugummi. Die jungen Leute von heute, denkt sie sich ärgerlich. Eine der beiden blonden Damen dürfte ihren Schal vergessen haben. Vorsichtig legt sie das parfümierte Stoffstück zur Seite. Der Sitzplatz des Vorstands scheint fast unbenutzt zu sein. So sauber und adrett, als würde hier niemand gesessen sein.

Frau Schilling ist schon gespannt auf das Ergebnis. Ihr wäre es verdammt schwer gefallen, definitiv einen Sieger zu küren. Für sie waren alle auf ihre Art und Weise hervorragend. Jeder der nominierten hatte seinen eigenen Stil. Seine eigene Botschaft. Natürlich hatte sie insgeheim ihren Favoriten, aber sie war ja nicht gefragt. Die Jury, das Kollegium, die Preisrichter mit den vielfältigen Personen hatte die Wahl. Die Qual der Wahl.
Nachdem Saustall zu urteilen, denn diese hinter lassen haben, war es sicherlich wieder sehr turbulent zu gegangen. Auch wenn so mancher Juror nach außen hin sehr gesittet aussieht, die hatten es schon faustdick hinter den Ohren. Davon könnte Frau Schilling ein eigenes Buch schreiben.
Eine gute Idee, aber zuerst muss ich dieses Chaos hier beseitigen, dachte sie.
Dann wird ebenso eine Klausur einberufen und eine Jury wird ihrem Werk sicherlich einen Preis verleihen – träumte und rubbelte weiter heftig an dem Rotweinfleck auf dem Teppich.

verfasst am 06.04.2015 ©Bluesanne aktualisiert am 04.03.2019

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