Bitte borg mir Deine Eltern!

Das Flimmern des Fernsehers warf den Schatten der beiden Personen auf dem Sofa geheimnisvoll an die Wand. Durch das Fenster konnte man diese aneinander liegenden Köpfe nicht genau ausmachen, aber sie wirkten friedlich. Zwei Menschen, die wie so viele andere auch des Abends bewegte Bilder im TV verfolgten. Eine familiäre Szenerie, welche man wunderbar auf ein großes Gemälde pinseln könnte, gäbe es noch Maler die eine Alltagssituation wie diese auf eine Leinwand verewigen wollen. So gab es auf den ersten Blick keinen besonderen Grund warum man genauer hinschauen sollte. Nicht auf das was da im Fernsehen lief, nein auf die Zwei auf der Couch.

Das Mädchen lehnte entspannt mit ihrem rechten Oberarm an der Schulter ihres Bruders. Falls er jetzt aufstehen würde, würde sie schlagartig in die Pölster plumpsen. Aber das würde er nie tun. Er war in all den Jahren die Schulter zum anlehnen gewesen. Immer wenn sie Sorgen hatte, konnte sie sicher sein, er würde ihr aufmerksam zuhören. Niemand vertraute sie mehr an, als ihn. Nicht einmal ihre beste Freundin, kannte sie besser als er.

So war es nicht immer gewesen. Als sie nunmehr vor dreizehn Jahren hier in dieser Familie gelandet ist, war alles fremd. Befremdend, weil sie nicht verstehen konnte, warum sie jetzt da ist. In einem Haus mit so vielen Räumen, dass sie sich darin oft verlief und dann völlig ratlos eine Tür nach der anderen öffnete, um zu sehen, ob sie nun endlich richtig war. Zumindest das Zimmer, welches ihr die Frau damals geschenkt hatte. Sie hatte sie auf dem Arm hinein getragen und meinte nur: „Das ist nun Dein neues zu Hause.“ Vorsichtig legte sie das Mädchen auf die bunte Bettdecke. Fröhliche Tiere lächelten sie vom Polster an, farbige Bilder hingen an den Wänden und ein riesengroßes Regal mit unzähligen Spielsachen krönten das neue Zuhause. Überwältigt von all den neuen Eindrücken und den vorangegangenen Geschehnissen, schlief sie sofort ein. Nur noch vage bekam sie den zärtlichen Kuss auf Ihrer Stirn mit.

Am nächsten Morgen streckte sie vorsichtig ihre Nase über die Bettdecke. Mehrmals öffnete und schloss sie ihre Augen schnell hintereinander. Alles war immer noch da, die gesamte bunte Pracht. Es war kein Traum. So leise wie möglich versuchte sie behutsam ihr neues zu Hause zu erforschen. Nach wie vor stand sie ungläubig im Raum, aber die Neugierde überwog und alsbald verschwand sie zwischen all den wunderbaren Spielsachen. In kürzester Zeit hatte sie ein Dorf voller Puppen, Autos, Stofftieren und Bausteinen aufgebaut. In diesem Kreis fühlte sie sich wie eine Königin, die nun alles bestimmen konnte. Die Chefin, die hier den Zauberstab in der Hand hatte. Niemand konnte ihr mehr was anhaben. Mit einem Sonnenschirm aus Papier dirigierte sie fröhlich ihr lustiges Volk. Die Puppen winkten ihr fröhlich zu, die Stofftiere machten höflich einen Knicks und die Autos hupten zur Begrüßung in ihrem neuen Reich.

„Darf ich Majestät stören, und um eine Audienz bitten?“, fragte plötzlich jemand. Die Frau, die sie gestern das erste Mal gesehen hatte stand in der Tür. Völlig verschreckt stolperte das Mädchen über ihre Gefolgschaft, durchbrach ihren Ring, den sie geduldig um sich aufgestellt hatte. Mit einem Satz war sie unter der Bettdecke mit den grinsenden Tieren verschwunden. „Mein Mädchen, keine Angst!“, sagte die Frau und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Eine warme Hand kroch unter die Decke und fischte nach der kleinen Hand.

„Schrecklich, was dieses Kind scheinbar schon erlebt haben muss!“, sagte Brigitte zu ihrem Mann. „Unvorstellbar ja, aber jetzt ist sie ja bei uns.“, antwortete Paul. Allmorgendlich trank er seinen Kaffee und tunkte die Spitze des Croissants hinein, saugte es genüsslich aus. Peter fand das jedes Mal peinlich, ließ aber diese kleine Angewohnheit seines Vaters über sich ergehen. „Was passiert jetzt mit Lilly?“ und sah dabei seine Eltern fragend an. Auch er war in den letzten Tag bei all den Gesprächen mit den Behörden dabei. Beamtete Personen, die über ein Menschenleben entschieden. Menschen die täglich mit grausamen Schicksalen unzähliger kleiner Wesen, wie Lilly eines war, zu tun hatten. Diese Leute konnten und durften all diese furchtbaren Lebensgeschichten nicht mehr so nahe an sich ranlassen. So hatte Paul das seinem Sohn erklärt, der schreiend und weinend aus dem Zimmer gelaufen ist, als die eine Mitarbeiterin des Jugendamtes meinte: „So einfach geht das nicht, liebe Familie Hafer!“ Man müsse zuvor noch mit den leiblichen Eltern sprechen, abklären warum Lilly in jener Nacht völlig alleine im Wald war und vor allem, weshalb sie keine Abgängigkeitsanzeige aufgeben haben. Diese Tatsache alleine, machte Peter wütend. Unerträglich der Gedanke, ihm könnte so etwas geschehen. Es machte ihn wieder einmal klar, wie gut es ihm hier ging. So liebevolle Eltern an seiner Seite zu haben. Auch wenn er mit elf Jahren schon andere Interessen hatte, als mit den Oldies herum zu hängen

Oft war er den ganzen Tag mit seinen Freunden in der Umgebung mit dem Fahrrad unterwegs. Gemeinsam durchforsteten sie die üppige Natur und trieben jede Menge Unsinn. Probierten ab und an ihre erste Zigarette oder ein Bier. Grillten Würstchen am Schotterteich und ärgerten die Mädchen, spielten den Schulkameraden aus der Nebenklasse den einen oder anderen Streich.

Der Wald, wo der Suchtrupp Lilly gefunden hatte, begann gleich hinter ihrem Haus. Als Peter wieder einmal dort unterwegs war, hörte er an diesem Nachmittag plötzlich ohrenbetäubende Geräusche über seinen Kopf. Die Baumwipfel wankten stark, als würde ein Sturm darüber hinweg fegen. Ein Hubschrauber hob und senkte sich. Peter trat so schnell wie er nur konnte in die Pedale und raste nach Hause. „Mutti, Vati!“, rief er schon aus der Ferne. „Was ist da los, was ist passiert?“ Vor der Tür standen dutzende Polizeibeamte mit kläffenden Hunden an der Leine. Man konnte  ihnen Ihre Ungeduld an ihren heraushängenden Zungen und hektisch wedelnden Ruten klar ansehen.

 

 

 

 

Susi„Selbstverständlich, helfen wir!“ Paul nahm das Foto entgegen, das ihn der Polizist in die Hand drückte. Das Bild zeigte ein Mädchen mit Pferdeschwanz, der pfiffig von ihrem Kopf baumelte. Zwei blaufarbige skeptisch dreinblickende Augen blickten ihn an. Der kleine rote Mund trug kein Lächeln auf den Lippen. Dennoch hatte dieses Mädchen etwas Fröhliches an sich.
Die Hundestaffel war mittlerweile im Dunkel des Walds verschwunden. Vom Himmel strahlte ein Lichtkegel vom kreisenden Hubschrauber. Die Rotoren knatterten unaufhörlich. Die idyllische Stille, die hier vorwiegend herrschte wurde zusehends von der hektischen Unruhe des Suchtrupps durchbrochen. Aufgewühlte Menschen, unruhige Hunde und Familie Hafer hatten nur ein Ziel: Das Mädchen finden. Erst dann konnte wieder Ruhe einkehren, hier im grünen Paradies.

 

 

Lilly lehnte nach wie vor an Peters Schulter. Über den Bildschirm lief in großen Lettern: „The End“. Er blickte neben sich und musste lächeln. Die Locken  noch immer so frech über ihre Schulter, wie damals. Die Mundwinkel wuchsen im Laufe der Jahre stetig nach oben, sodass sie nun immer ein kleines Lächeln mit sich trug. Sie blickte ihn mit ihren blaugrauen Augen an, sie waren etwas heller als damals. Wie schön sie geworden ist. Fast schon eine junge Dame. „Erzähle mir, wie Du zu meinem Bruder geworden bist.“ Peter verdrehte kurz die Augen, aber er liebte das Strahlen in Ihrem Gesicht, wenn er die Geschichte immer und immer rezitieren musste.

„Es war einmal eine kleine Prinzessin, die von ihren Eltern im Wald vergessen wurde. Bevor es zu diesen Drama gekommen war, lebte sie drei Jahre in einer kleinen Wohnung. Dort teilte sich ein Bett mit einem anderen Mädchen, an dass sie sich nur wenig erinnern kann. Nur dass sie immer mit ihren Füßen an die des anderen Kindes anstieß, wenn sie abends schlafen ging. Alles war viel kleiner, als hier in unserem zu Hause, meine liebe Lilly.“ Lilly seufzte und ihr Gesicht verlor mit einem Schlag ihren freundlichen Ausdruck. Ihre Augen wurden wässrig. Peter drückte sie fest an sich. „Ja, es war nicht schön an deinem ersten Wohnort. Viel zu viele schlimme Dinge musstest Du ertragen. Sachen, die niemand mit Kindern tun sollte. Niemand, egal was auch immer passiert. Alles, wird sich in deine kleine Seele brennen. Dein Herz wird etliche Narben bekommen. Sie werden nie wieder verschwinden. Jede Zelle deines Körpers wird sich für immer daran erinnern.“ Auch Peter musste mittlerweile mit den Tränen ringen. Deshalb ging er zum schönen Teil der Geschichte über.

„Georgie“, sagte Lilly zärtlich. „Ja, so hieß er, der Held in dieser Nacht. Ein besonders eifriger Hund. Kaum hatte sein Herrchen ein Kleidungsstück von dir unter die Nase gehalten, lief er schon los. Der Mann am anderen Ende der Leine kam kaum hinterher. Im Zickzack raste er durch das Dickicht des Waldes.“ Lilly musste lachen, sie stellte sich gerade den verzweifelten Mann vor, den Georgie hinter sich herzog. „Ich erinnere mich nur noch an die Nase die mich permanent stupste,“ sagte Lilly etwas nachdenklich. „Und dann…

Dann bezog Lilly in ihr neues zu Hause. Ein kleines Schloss, in dem sie ihr eigenes Gemach hatte. Ein Bett für sich alleine. Und obendrauf eine neue Familie. Mutti, Vati und Peter, einen großen Bruder.

„Weißt Du noch Lilly, als du erfahren hast, dass wir nicht ganz Deine richtige Familie sind, erinnerst Du dich noch, was du zu mir gesagt hast?“
Lilly seufzte, legte ihr charmantes Lächeln auf, nahm seine Hand in die ihre, während ihr abermals Tränen über die Wangen flossen. Langsam tropften sie auf ihre beiden Hände. Sie besiegelten ihre innige Liebe zueinander.

„Wenn du jetzt mein neuer Bruder bist, borgst du mir bitte deine Eltern?“

Nachsatz:

Gleich, ob das Kind nun Lilly, Susi oder einen anderen Namen trägt. Egal, ob nun Bub oder Mädchen. Erwachsene Menschen,  bitte schaut auf die Kinder dieser Welt. Sie erfahren nur einmal im Leben ihre ersten Jahre. Jahre, die ihr gesamtes Dasein prägt. Alles was in dieser Zeit bis zum adulten Lebewesen passiert, bleibt bis ans Ende ihrer Tage tief versunken, im Herz, in der Seele, in den Zellen des Körpers. Verstecken sich in den Irrungen des Gehirns. Oft fest verschlossen, hinter hohen Mauern. Massiv betonierte Walle umzäunt mit Stacheldraht voller Schmerzen. Diese kleinen Wesen werden schuldenfrei in die Welt geworfen. Rein, nicht immer gleich ganz sauber. Doch selbst der ärgste Schmutz, der oft zu Beginn an ihrer Haut klebt oder in ihren kleinen Mündern landet, kann sie niemals so dreckig aussehen lassen, wie so manches ausgewachsene Menschenkind. Lasst sie im Gatsch (Matsch) spielen, Sandburgen bauen, aber holt sie aus dem dunklen Dreck heraus!.  Nichts ist für immer vergessen. Auch wenn wir uns nicht immer klar daran erinnern. Bilder, Gerüche und Geräusche bleiben. Sie werden immer wieder aufblitzen. Und wer will schon in einem Fotoalbum vergangener Tage blättern, das mit Grausamkeiten gefüllt ist.
Die Vergangenheit ist immer länger in uns,  als die Zukunft. Die Zukunft wird durch die Vergangenheit gefüttert. Schenkt der Vergangenheit Liebe, damit die Zukunft erfolgreich gedeiht. Die Chance ist groß, dass die Bildersammlung der Erinnerungen schlussendlich vorwiegend frohe, lächelnde und wärmende Fotos beinhaltet. Jene, die sich gut anfühlen.

verfasst am 13.10.2020 ©Bluesanne

2 Gedanken zu „Bitte borg mir Deine Eltern!

  1. Christine Haas sagt:

    Sanft & vorsichtig, ehrlich & emotional , tiefgründig & herzlich

    Danke für die sehr emotionale Geschichte,
    Deine Christine

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