Polter – Creatur

Es poltert wieder

Wien, 28.07.2023

Seit einigen Tagen rumort es hier im Haus wieder. Ratternde Schlagbohrmaschinen dröhnen durch die Wände. Diverse Einrichtungsgegenstände knallen auf die Ladefläche des Lasters der vor dem Haus steht. Trotz Hitze, rennen die Handwerker in ihren schweren Arbeitsschuhen die Stufen rauf und runter, schleppen Baumaterial hoch in den zweiten Stock. Alles was sie benötigen, um die bereits geleerte Wohnung zu restaurieren. Rundumerneuerung für die nächsten Bewohner, die demnächst hier einziehen werden. Es ist mittlerweile die fünfte Wohnung, dessen Mieter ausgezogen oder verstorben sind, seitdem ich hier wohne (38 Jahre).

Beschaulich und ruhig

Irgendwann, wird man auch mein Zuhause räumen und alles was ich hier in all den Jahren reingetragen habe, wieder rausbefördert. Die Buntheit meiner Bleibe wird unter weißer Farbe verschwinden. Ich werde still verschwinden und mit meinen letzten Habseligkeiten, die lautstark entsorgt werden, verflüchtigt sich auch der kreative Geist aus der Wohnung.

Ziemlich laut war es auch heute Abend, ein Hubschrauber kreist am Himmel mehrmals über die Häuser. Donnertes Pochen durchdringt die nächtliche Stille. Eine derzeit in den Schlagzeilen vielzitierte Rockband bespielt nicht nur die Zuschauer im Praterstadion, sondern auch den Rest der Stadt. Der Boden und auch die Wände vibrieren. Es fühlt sich beinahe wie ein Erdbeben an. Aber, ich kann mich nicht beklagen, sonst ist es hier beschaulich und ruhig.

Rückblick: 07.04.2015

Seit Tagen ist es ziemlich still in meiner Wohnung. Der Fernseher schweigt meist, der Sohnemann ist viel unterwegs und die Kater schlafen ohnehin fast 24 Stunden am Tag. Somit nehme ich noch intensiver jedes fremde Geräusch war. Das surrende Rauschen des Laptops, das flotte Klappern in die Tasten oder auch schon mal das Haustor, wenn es schwer ins Schloss fehlt. Generell ist die nahe Wohngegend samt Nachbarn ein sehr ruhiger und beschaulicher Platz zum Leben. Immerhin verweile ich in dieser Wohnung schon dreißig Jahre.

Wohnkomfort

Vor etwa gut zehn Jahren wurde das Haus saniert. Neue schalldichte Fenster wurden eingesetzt und die kalten Betonwände wurden mit einer Wärmeisolierung ummantelt. Von einen Tag auf den anderen, gab es in den Räumen keinerlei störenden Töne mehr von der Straße. Selbst ratternde Mopeds konnte ich nur noch sehr leise wahrnehmen. Und das auch nur dann, wenn es in der Wohnung mucksmäuschenstill war. Obendrein war von nun an, die Wohnung endlich behaglich warm, ohne viel zu Heizen. Die Raumtemperatur ist sicherlich durchschnittlich um ein bis zwei Grad gestiegen. Ein herrlicher Komfort für eine Bleibe im Erdgeschoss.

Die Kindheit klopft an

Doch heute Morgen wurde ich durch laute absonderliche polternde Geräusche aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Ein mulmiges Gefühl überkam mich. Vorsichtig öffnete ich meine verschlafenen Augen, um vorweg die nahe Umgebung zu sondieren. Ab und zu kommt es vor, dass die zwei Felltiger völlig irrsinnig durch die Zimmer rasen. Dabei knallt dann ab und an irgendein Teil zu Boden. Das schreckt sie noch mehr auf und sie rennen noch verrückter durch die Gegend. Doch die Beiden lagen friedlich auf ihren bevorzugten Plätzen.

Es klopfte, es polterte und mir wurde immer mulmiger zu Mute. Ich bin unbekannten Geräuschen gegenüber, äußerst sensibel. Das hat sich wohl seit der Kindheit eingeprägt. Vorsichtig setzte ich mich auf. Von wo kommen diese pochenden Töne? Welche Kreaturen stören meinen Schlaf?  Ich kann es nicht orten. Völlig regungslos sitze ich längere Zeit in der gleichen Position aufrecht im Bett. Das Fenster im Schlafzimmer ist meist gekippt. Kommt das von Draußen?

...oder steht der Prinz vor dem Haus?

Langsam krieche ich auf allen Vieren über mein Bett. Von hinten schleicht sich unbemerkt einer der Kater an mich ran. Das mag ich überhaupt nicht. Als er plötzlich vor mir steht, schrecke ich entsetzt hoch. Er ebenso, hysterisch zischt er zeternd ab. Nach wie vor auf den Knien rutschend nähere ich mich geduckt dem Vorhang. Langsam ziehe ich ihn behutsam zur Seite. Ich frage mich insgeheim, ob da vor dem Haus endlich die Kutsche mit meinem Prinz steht. Dieser Gedanke lenkt mich ein wenig amüsiert ab. Argwöhnisch blinzle ich in die morgendliche Sonne. Nein, es steht kein berappter Vierspänner vor meinem Fenster. Schade. Vielmehr ein großer Lastwagen. Hinten die Laderampe runter geklappt. Na vielleicht galoppieren sie hier gleich raus die Pferderl, und springen elegant auf die Wiese.

Raus aus der Wohnung

Die Aufschrift auf dem Laster lässt mich in die Realität zurück kehren. „Wiener Wohnen“. Verdammt, kommen die meine Wohnung ausräumen? Ja, ich bin im Verzug mit der Miete, ich weiß! Gestern erst habe ich euch wieder ein paar Hunderter überwiesen. Das könnt ´ihr doch nicht machen! Besorgt schleiche ich zu meiner Wohnungstüre. Zaghaft schiebe ich das Metallplättchen des Spions zur Seite. Bis auf die anhaltenden rumorenden Geräusche kann ich nichts wahrnehmen. Es poltert, es scheppert über mir, vor mir, hinter mir. Ich werde noch wahnsinnig. Was ist da bloß los?

Nervöse Katzen, Kaffee beruhigt

Nun, der Prinz steht nicht vor der Türe. Der Briefträger sollte längst dagewesen sein, also müssen es wohl Leute von dem vorm Haus stehenden Lastwagen sein. Was macht Wiener Wohnen in unserem Haus? Kombiniert mit den pochenden, stoßenden Geräuschen im ganzen Haus? Vielleicht ist es doch der rettende Prinz, halt nur inkognito? Damit ich doppelt überrascht bin. Auf eine derartige Überraschung kann ich verzichten, lieber Edelmann.
Nun, falls Du es dennoch sein solltest, werde ich zunächst einen Kaffee kochen. Das beruhigt für kurze Zeit meine Nerven. Die beiden Katern scheinen auch ein wenig aufgescheucht zu sein. Sie drehen nervös ihre Runden um meine Knöchel. Oder fordern sie lediglich ihr Futter ein?

Besen und Kartons

In der Küche höre ich nun verstärkt über mir Geräusche, die klingen, als würde ein Besen gegen die Wand schlagen. Sicher bin ich mir nicht wirklich, ob diese Laute tatsächlich direkt darüber sind. Aber sie hören nicht auf. Nun klingt es, als würde jemand eine ziemlich schwere Last über die Stiegen hinunter ziehen. Rums, Rums, Rums, Stufe für Stufe. Vom Küchenfenster aus sehe ich grau gekleidete Männer aus dem Haustor kommen. Sie schleppen riesige weiße Kartons. Nach den angestrengten, verschwitzten Gesicherten zu schließen, sind diese verdammt schwer. Sie verschwinden damit im Durchgang und verladen sie in den Laster, welcher auf der gegenüberliegenden Seite, vor meinem Schlafzimmerfenster steht.

Hellhörig

In Gedanken gehe ich alle Hausbewohner durch und überlege, wessen Wohnung leer geräumt wird. Ist jemand gestorben? Der Kaffee steht mittlerweile heiß dampfend bereit. Hat es geläutet? Ich beobachte aufmerksam meine Katern. Die verhalten sich relativ ruhig. Keiner rührt ein Ohrwaschel. Sie sind wahrlich hoch sensorische Indikatoren, falls irgendwas nicht in Ordnung ist. Meine Leibkater, meine sensitiven Wächter. Noch viel eher als ich, bemerken sie untypische Geräusche. Das Klopfen geht weiter. Nun jetzt weiß ich ja woher die befremdenden Geräusche kommen. Zerbreche mir jedoch nach wie vor, welche Bleibe leer geräumt wird.

Ein Leben in Kisten

Mich schaudert, bei dem Gedanken. Ein gesamtes Leben, verpackt in dutzende Kisten. Verladen in einen LKW. Transportiert, wohin eigentlich? In ein Lager? Gleich auf den Müll? Was geschieht mit den ganzen Büchern, Schallplatten, den Regalen, den Möbeln, dem Geschirr, den Küchengeräten, dem Gewand, den Pflanzen, den Kisten voller Fotos, … Ein wahrlich grausame Vorstellung. Meine Bilder, meine über alles geliebten Malereien, meine Farben – hunderte Tuben, meine Pinsel, meine geschriebenen Worte …lieblos weg geschmissen, wertloses Zeug. Alles landet auf dem Müll. Weg damit. Der Mensch ist tot. So sollen auch seine Dinge nicht weiter am Leben bleiben. Zuerst tragen sie mich, wohl mit den Füßen voran (ist das tatsächlich so?) Die Pompfüneberer packen mich in die Metallkiste. Gut, sie haben nur ein paar Stufen, aber sie müssen mich samt dem Sarg in den Bestattungswagen schieben. Zurück bleibt all das, was ich im Laufe der Jahre in die Wohnung getragen habe. Nun tragen andere es wieder raus.

Nebenan

Poch, klopf, rums, rumpel, …hat da jemand an meine Türe geklopft? Weil er so, wie viele andere die Glocke nicht gesehen hat? Eine verlassene leere Wohnung. Trostlos.
Als meine Nachbarin vor Jahren verstorben ist, haben sie ebenfalls das gesamte Hab und Gut raus geschleppt. Verdammt viel war das. Sie hat antike Möbel und andere alte Sachen gesammelt. Nachdem alles draußen war, wurde die Wohnung komplett neu renoviert. So wie es der derzeitige Standard einer Gemeindewohnung vorsieht. Nichts von dem was sie in den Jahrzehnten verändert, renoviert oder sogar verbessert hatte, blieb. Mit einem Schlag, ein kompletter Lebensraum weg. Die Türe gegenüber stand bei den Renovierungsarbeiten meist offen. Ich konnte mit ansehen, wie sich die Zimmer lehrten. Aus den Räumen verschwand auch die Nachbarin.

Neue Nachbarn

So wird es wohl auch bei mir sein, denke ich. Vielleicht sollte ich einiges ausmisten? Ab und an packt es mich und ich ackere meine gesammelten Dinge durch. Vor allem dann, wenn ich Unterlagen oder Erinnerungstücke für meine Geschichten suche. Sie helfen mir die vergangene Zeit näher ran zu holen. Viele dieser Dinge fühlen sich sogar nach damals an. Seltsam.
Poch, poch, klopf, klopf. Die Kisten stolpern über die Stufen im Hausflur. Wer hat uns verlassen und was war in den unzähligen großen weißen Schachteln? Wohl das gesamte Leben mit all den Erinnerungen.
Doch bevor bei mir die Gespenster einziehen, werde ich noch ein wenig von und mit dem Kram in meiner Wohnung genießen. Vielleicht zieht ja in die geräumte Wohnung, der Prinz ein 😉

Im Todesfall

Wenn in Wien jemand in der Wohnung stirbt, muss man den behandelnden Arzt (Hausarzt) kontaktieren. Dieser stellt dann den ärztlichen Behandlungsschein aus.

Von der Wiege bis zur Bahre. Formulare, Formulare!

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verfasst am 07.04.2015 aktualisiert am 28.07.2023 ©Bluesanne

15:12:23 2023-09-18

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