Tatsächlich Großmama - BlueSanne

Tatsächlich Großmama

Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht. So ein Augenblick war es auch, als mir mein Sohn und dessen Freundin im vergangenen Jahr zwei Tage vor Weihnachten eine Nachricht mitteilten, die mir Freudentränen in die Augen zauberte.

Mein Sohn fragte mich, ob ich schon einen Kalender für 2026 habe und ich solle doch dort bitte den Juni aufschlagen. “Urlaub?”, fragte ich. Beide lächelten und verneinten meine Frage. “Wir sind dann zu dritt!“ 

Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wohl ist, wenn man so richtig innig umarmt wird.  Diese Nachricht hat mein Herz regelrecht im Sturm erobert – so viel Liebe und Wärme hat sie mir übermittelt, dass ich bis heute nach den perfekten Worten suche, um diese Emotion zu beschreiben.

Es überwältigt mich bis heute. Die Wochen bis zur Geburt waren für alle Beteiligten eine etwas unruhige Zeit. Das kleine Wesen wollte nicht so richtig wachsen. Dutzende Spitalsbesuche und Untersuchungen. Bis zuletzt war das Mädchen, das war sicher, etwas zu klein, aber sonst war alles in Ordnung. 

Am 05. Juni 2026 fuhr ich frühmorgens zum Haus meines Sohnes, um die Familienhündin zu füttern und im Garten ein wenig Frischluft zu schnappen. Sie begrüßte mich kurz, aber bei weitem nicht so überschwänglich als sonst. Scheinbar spürte sie die Aufregung, die in der verregneten Luft hing. Während ich mich im Garten etwas zu schaffen machte, lag sie auf der Fußmatte vor der Eingangstür. Nur selten schaute sie bei mir vorbei. Und ich schaute regelmäßig, wo sie sich aufhielt. 

Doch noch öfter blickte ich aufs Handy, ob eine Nachricht eingelangt ist. Ich versuchte, meine Angespanntheit durch Aktivitäten etwas zu kompensieren. Dann endlich eine Nachricht. Nochmalige Untersuchungen und Vorsprache bei einem Professor im Spital, und dann sollte es endlich losgehen. 

Countdown

Warten, zwischendurch noch ein Telefonat bezüglich der Hundebetreuung, diesen noch mit ein wenig Futter versorgen, Kontrollgang durchs Haus und Garten, Abfahrt nach Hause. Einkaufen, immer wieder aufs Handy geschaut. Zu Hause Katzen füttern und mir einen Kaffee zubereiten. Permanent ein Blick auf das mobile Telefon. Endlich kam die Nachricht: „Mutter und Kind wohlauf!“ 

Meine Enkelin ist da! 1935 Gramm, 44 cm. Erste Fotos erreichen meine feuchten Augen. 

Erleichterung, Freude, Begeisterung und ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchfluteten meinen Körper, meine Seele. Ein wildes Ringelspiel der Hormone begann sich in mir zu drehen.

Die rasante Gefühlsreise wurde durch ein langes Telefonat am Abend mit meinem Sohn etwas entspannter. Es wirkt immer beruhigend, wenn man Bescheid weiß, also von den Menschen alles erfährt, die ganz nahe am Geschehen dran sind.

„Versuche, den Oma-Blogbeitrag weiterzuschreiben, leider geht da nicht wirklich was voran. Vielleicht reichen 24 Stunden noch nicht ganz aus, um das Gefühl, den Status des Großmutterseins zu beschreiben. Obendrein habe ich bisher nur wenige Fotos von einem kleinen Wesen, das dick eingepackt in einem Wärmebettchen wie eine kleine Raupe liegt. Mein Sohn scheint gut mit seiner neuen Rolle als Vater zurechtzukommen. Das vermitteln mir seine Worte, wie er darüber spricht und mitfühlt.

Im Jahr 2100 wird Violetta (so ihr Name) vielleicht auch Oma sein und darüber staunen, was aus ihren Kindern geworden ist. Gerne möchte ich noch so lange wie möglich ihren Weg mitbegleiten, um zu sehen, wie sie sich entwickelt, welche Talente sie hervorbringt – was so alles in ihr steckt. So ein Menschenleben ist endlich, und es ist so wichtig, das Beste daraus zu machen. Es ist schwierig, dass schon in jungen Jahren zu erkennen, und es hängt von vielen Faktoren ab, es auch umzusetzen.

Vielleicht ist das die Aufgabe als Oma, diese und andere Erkenntnisse weiterzugeben, Erfahrungen, Erlebnisse und Geschichten aus dem Leben zu erzählen. Auch wenn das Interesse vielleicht nicht immer da sein wird, denke ich, dass es wichtig ist. Wahrscheinlich nicht zeitnah, aber auf lange Sicht kann es für den Nachwuchs hilfreich sein.

Mir wurde auch erst als Erwachsene bewusst, wie wichtig meine Oma für mich war. Auch wenn es eine völlig andere Zeit und Familienkonstellation war, hat sie eine große Bedeutung für mich gehabt. Meine Oma war 48 Jahre alt, als ich geboren wurde, und stand noch mitten im Arbeitsleben. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie immer da war.

Dieses Gefühl möchte ich auch an meine Enkelin weitergeben. Ich glaube, das ist das Beste, was ich tun kann: Zeit und Erlebnisse schenken, von denen sie vieles mitnehmen kann für ihr eigenes Leben – bis ins nächste Jahrhundert. Gerne wäre ich dabei, aber das wird sich nicht ganz ausgehen.“

Erster Besuch

Am Sonntag, den 7. Juni 2026, durfte ich Violetta endlich besuchen. Welch ein kleines, entzückendes Menschenwesen! So zart, so winzig, fast zerbrechlich, und doch strahlte sie eine enorme Energie aus, die mir vertrauensvoll zu sagen schien: „Ich schaffe das, ich werde wachsen und euch alle noch gehörig beschäftigen.“ Gut so, meine Enkelin, mach das. Wir sind für dich und dein zukünftiges Leben da.

Nun muss sie noch einige Zeit im Krankenhaus bleiben, um an Gewicht zuzulegen, das Trinken zu erlernen und viele andere Fähigkeiten zu üben. So soll sie die drei Wochen aufholen, die sie zu früh auf die Welt gekommen ist. Damit aus der kleinen „Raupe“ ein bunter „Schmetterling“ werden kann.
Mama und Papa besuchen sie jeden Tag und lernen mit jedem Augenblick mehr, wie sie ihr gemeinsames Leben noch bunter und reicher gestalten können.

Ich kann nur sagen, bisher ist es ist ein wunderbares Gefühl, Oma zu sein. Im Krankenhaus habe ich mich bei ihr mit den Worten „Hallo meine kleine Violetta, ich bin deine Oma, du kannst aber auch Großmama zu mir sagen!“ vorgestellt. Auf diese und viele andere Momente freue ich mich. Diese wertvollen Augenblicke sind im Leben von unschätzbarem Wert und durch nichts zu ersetzen.

Nachsatz

Ein Teil des Großmutterseins besteht wohl auch darin, zufrieden und stolz zuzuschauen, wie mein eigener Nachwuchs seine Rolle als Elternteil erfüllt. Zumindest empfinde ich das im Augenblick so. 

Ich bewundere richtig, wie die zwei ihre neue Rolle zum Leben erwecken und reinwachsen.

4 Tage später

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