In Raten abtöten

November 1996

Eigentlich wäre in diesen Tagen unser 15.Hochzeitstag gewesen. Meine Oma hatte auch angerufen um zu gratulieren. Am Telefon sagte ich zu ihr: “Es gibt nichts mehr zu feiern, ich lasse mich scheiden.“ Natürlich wollte sie wissen, was den passiert sei. Doch ich konnte nicht sprechen. Ich stand nach wie vor unter Schock.

Aus heutiger Sicht betrachtet, war diese Beziehung nie wirklich eine Liebesbeziehung. Eher eine Flucht von einem Gefängnis in das nächste. Als ich diesen Mann 1978 kennen lernte war ich zwar schon 16 Jahre alt, aber sicherlich bei weitem viel zu unreif für einen Freund. Und schon gar nicht unter diesen Umständen. Damals war ich einfach nur froh, dass überhaupt jemand außerhalb meines Familienkreises Kontakt zu mir hatte.

Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Schulfreundin. Sie war ebenso wie ich, eher eines dieser unscheinbaren Wesen, an die sich nach Jahren keiner mehr erinnert. Eines Tages lud sie mich zu sich nach Hause ein. Die Wohnung war fast genau so bescheiden spartanisch eingerichtet, wie mein Zuhause. Obendrein wuchs sie, so wie ich mit vielen Geschwistern auf. Wir waren Fünf. Sie hatte 10 Geschwister. Allesamt lebten in dieser Wohnung inklusive ihrer Eltern. Damals fühlte ich mich in diesen Familienverband wesentlich besser aufgehoben, als in meinem Eigenen. Ich hatte den Eindruck, dass dort alles in Ordnung war. Besonders die Mutter war eine sehr nette und gastfreundliche Person.

Heute weiß ich, sie waren nur raffinierter, ihre Bösartigkeiten zu vertuschen. Was nach außen, nach einer ganz normalen Familie aussah, war ganz tief im Kern ein wahrlich schauerliches Drama. Aber ich ahnte nichts davon. Im Gegenteil, ich fühlte mich sehr willkommen und wurde herzlich aufgenommen. So kam es auch, dass ich eines Tages den ältesten Bruder meiner Schulfreundin kennen lernte. Anfangs eher eine Freizeitbekanntschaft, da er genau wie seine Schwester regelmäßig in einer Clique in den Höfen des Gemeindebaus anzutreffen war. Auch andere Mädels und Jungs trafen sich regelmäßig auf den Bankeln um einfach nur zu quatschen, Musik aus den riesigen Kassettenrecordern zu hören und einfach Spaß zu haben.

Ja und von einem Tag auf den anderen, hatte ich nun einen Freund, (mein erster überhaupt) mit dem ich „ging“. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass diese Beziehung aus einer Wette entstanden ist. Und ich war der Wetteinsatz. Mein Exmann und sein Freund hatten mich zu selben Zeit fadenscheinig um meine Gunst geworben. Der, zu dem ich „ja“ sagen würde, hatte gewonnen. So schlitterte ich in die nächste Katastrophe die meine nächsten Lebensjahre bestimmen sollte. Zu dieser Zeit, war ich stets davon überzeugt, es habe alles seine Richtigkeit. Ich kannte nichts anderes und vergleichsweise zu meinem zu Hause, war es scheinbar besser.

In all den Jahren meiner Ehe passierten viele schlimme Dinge, die ich heute niemals wieder zulassen würde. Hin und wieder habe ich Ereignisse hinterfragt. Oft führte ich Gespräche mit seinen Geschwistern, ob den das alles seine Berechtigung hatte. Die meinten meist nur, es sei schon in Ordnung, und man wisse ja, wie ihr ältester Bruder so sei. Grundsätzlich hatte ich immer den Eindruck, sie stehen zu mir. Doch auch das, war ein fataler Trugschluss.

Viel war passiert, viel hatte ich mir gefallen lassen und viel hatte ich scheinbar weg gesteckt. Doch irgendwann ist Schluss. Die Anfänge dieses Endes begannen zu dieser Zeit in meinem Kopf schon im Mai. Nachdem ich mir eine Lederjacke gekauft hatte und etliche Stunden in einem Kaffeehaus meine Gedanken aufschrieb. Es folgte noch ein letzter gemeinsamer katastrophaler Urlaub. Die täglichen verbalen Demütigungen stapelten sich zu meinen aufkommenden Zweifeln hinsichtlich dieser Ehe. Eine Szene wird ewig in meinem Gedächtnis in Erinnerung bleiben.

Ein letzter Urlaub

Wir hatten in Griechenland ein wunderbares privates Zimmer direkt am Strand gemietet. Täglich watete ich durchs flache Meer und filmte die vielen Bewohner des Gewässers. Plötzlich rutschte ich auf einem kleinen Stein aus und stürzte samt Videokamera ins Wasser. Mein Exmann beobachte diese Szene vom Strand aus. Er blieb sitzen. Ich rappelte mich wieder auf und setzte mich wieder zu ihm. Eine Tirade an Vorwürfen und Beschimpfungen folgte. Wie blöd und ungeschickt ich doch sei, und dass jetzt die Kamera kaputt sei. Meine beiden geschwollenen Knöchel interessierten ihn überhaupt nicht. Mir war nur noch zum Heulen und es viel mir verdammt schwer, meinem Sohn gegenüber diesen Schmerz zu verbergen.

Diese bösartige Anspannung eskalierte an diesen besagten Tag im November 1996.
Ich komme von einem Treffen mit einer Freundin nach Hause. Mein Exmann empfängt mich schon bei der Eingangstüre. Er packt mich an den Haaren und schlägt sofort mit der Faust in mein Gesicht. Er sagt nicht viel. Sofort beim ersten Schmerz, klickt in meinem Kopf ein Schalter um. Ich weiß, wenn das vorbei ist, ist endgültig Schluss. Er schlägt immer wieder zu. Jedoch spüre ich keinerlei Schmerz.

Zu oft hatte ich das schon in meiner Kindheit und Jugend erlebt. Nur diesmal würde ich mich zur Wehr setzen. Doch ich habe körperlich keine Chance. Der Hass mit dem er mich verprügelt ist grenzenlos. Seine Wut, sein Zorn und seine Brutalität fließen geballt in seine auf mich eindreschende Faust. Ich hab nur einen Gedanken: „Wo sind meine Wohnungsschlüssel?“ Mittlerweile kann ich kaum mehr was sehen. Irgendwie fische ich meine Schlüssel aus meinem Rucksack. Der nach wie vor an meiner Schulter hängt, während er auf mich ein prügelt.

Als er die Schlüssel in meiner Hand entdeckt, wird er noch rasender. Er packt mich mit beiden Händen am Hals. „Du gehst hier nicht raus!“, sagt er mit dämonisch verzerrter Stimme und teuflisch kalten Blick. Mit aller Kraft umklammere ich meine Schlüssel. Er drückt immer fester seine Finger in meinen Hals. Ich kann lediglich handeln, mein Kopf ist leer. Die in all den Jahren angesammelten, unterdrückten, runter geschluckten Demütigungen bahnen sich ihren Weg nach draußen. Knapp zwei Jahrzehnte des Zwangs formieren sich in mir zu einer Energiebombe.

Sämtliche Verletzungen verbünden sich und verwandeln sich in einen stärkenden Zaubertrank. Dieser rast in Bruchteil einer Sekunde durch meine Adern. Plötzlich besitze ich unbändige körperliche Kräfte. Ich reiße mich mit einer Bewegung aus den Klauen des Mannes, der mich über Jahre psychisch gequält und nieder gemacht hat. Lediglich mit den Schlüsseln in der Hand renne ich los. Ich laufe um mein Leben. Seitdem ich aus der Hölle von zu Hause abgehauen bin, habe ich mir geschworen: „Niemals wieder lasse ich mich schlagen!“ Ich renne und lasse alles hinter mir. Laufe geradewegs in die Polizeistation. Hoffe inständig, dass er, der Vater meines Sohnes, seinem Kind nichts antut.

Die Herren auf der Wache nehmen meine Anzeige entgegen. Ja, er hat versucht mich zu töten. Am nächsten Morgen bin ich bei Gericht und veranlasse eine Wegweisung und Betretungsverbot gegen meinen Exmann.
Im Krankenhaus werden unterschiedliche Verletzungen im Gesicht und an meinem restlichen Körper diagnostiziert und ebenfalls dokumentiert. Vor allem meine Augen sind ziemlich angeschlagen. Im Laufe der nächsten Tage schillert es in nur all erdenklichen Farben. Dennoch trage ich keine Sonnenbrille. Nein, es soll jeder sehen. Und wenn mich wer fragt, sage ich die Wahrheit.

Es folgen zwar noch knapp weitere 2 Jahre, wo er mich belästigt, stalkt und fertig machen will. Die gesamte Familie hat sich nach meiner Entscheidung von meinem Sohn und mir distanziert und mich ebenso verurteilt und mich zur Täterin abgestempelt. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich von all diesen Glaubenssätzen, die mir über Jahre suggeriert wurden, entledigen konnte. Teilweise kommen sie heute ab und an noch zum Vorschein.

Einmal geschlagen werden ist genug.
Zweimal geschlagen werden ist zu viel.
Ob mit Worten oder mit körperlicher Gewalt.

verfasst am 08.03.2015 aktualisiert am 04.12.2020 ©Bluesanne

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