Die kleinen Freuden des Lebens

No Comments

Das Eine wiegt 2100 Gramm, ist 40 cm x 28 cm groß und hat 191 Seiten.
Das Andere hat ein Gewicht von 1141 Gramm (laut meiner Küchenwaage), hat eine Größe von 30 x 24 cm und verfügt über 200 Seiten.

Zwei Bücher, die ich seit 3 Tagen verzweifelt gesucht habe. Auf meiner Bücherliste waren Beide eingetragen.

Bücherliste

Ich durchstöberte die verstaubten Regale, wo ich sie stark vermutete. Im Laufe der Jahre habe ich es mir angewöhnt, neu erworbene Dinge sofort an „Ihren“ Platz zu deponieren. Das heißt, es gibt Orte für Kunst, Musik und Malerei in der Wohnung. Sozusagen Lokalitäten für die Kategorien. Als Sammlerin, besonders in diesen Genres, muss ein vernünftiges Ordnungssystem sein. Man verliert leicht den Überblick. Ich weiß zwar oft, dass ich das eine oder andere Stück besitze, aber wo es sich ganz genau befindet, kann ich nicht immer sicher sagen. Es ist ähnlich der Archivierung im Büro, mit der ich schon in meiner Lehrzeit in den Siebzigern ausreichend beschäftigt war. Umgangssprachlich auch „Ablage“ genannt. Im Laufe der Jahre ist das Sortieren nach Alphabet, Jahreszahlen oder anderen Indikatoren in Fleisch und Blut übergegangen. Es war eine sehr dreckige, langweilige und einsame Tätigkeit. Man hatte viel Zeit zum Nachdenken, bekam schmutzige Hände und saß meist alleine in einem Archiv voll bepackt mit Ordnern. Jedoch stärkte es auch die Armmuskulatur und hatte etwas meditatives.
Schlussendlich eine hervorragende Basis, auch im Privatbereich ein wenig Ordnung zu halten.

Deshalb war ich auch so nervös, dass ich die Bücher nicht an den vorgesehen Orten finden konnte. Es ließ mir keine Ruhe. Ich leuchtete sogar mit einer Taschenlampe hinter die Regale. Hätte ja sein können, dass sie dahinter versteckt waren. Nichts! „Das gibt´s doch nicht“, dachte ich mir heute wieder. Irgendwo müssen sie doch sein, die beiden Bücher. Vor allem das Buch von „Kandinsky“. Ich liebe seine Bilder.

Auf ein Neues näherte ich mich dem Kunstbereich in meinem Wohnzimmer. Durchforstete akribisch ein Regal nach dem anderen. Heute ausnahmsweise nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, sondern dem Aufspüren zweier Buchbände. Der frische Kaffeegeruch aus der Küche lockte mich schon zum Hinsetzen, da griff ich im ersten Regal nach etwas, das sich verdächtig nach Buch anfühlte. Unter dem Matador-Baukasten hatten sie sich versteckt.

Kunstregal100219

Heureka! Es ist da! Sanft streichelte ich das angestaubte bunte Werk, roch kurz daran und blätterte verzückt durch die farbenfrohen Seiten.

Kandinsky Ulrike Becks-Malorny 1993

Auch der Band über das malerische Europa lag in diesen Bereich. Jetzt schmeckte der Kaffee doppelt so gut. Mit einem leichten Grinsen, konnte ich nun die gesamte Kunst-Literatur an seinen Ort platzieren.

Zeitpunkt des Auffindens: 13:35 Uhr.
Jetzt, etwa drei Stunden später freue ich mich noch immer. Es inspirierte mich zu diesem kleinen Beitrag und bestärkt mich erneut meinem innerlichen Gespür weiter nach zu gehen. Falls das Bauchgefühl nicht gerade von einem Brocken der Depression verschüttet ist, ist es wohl das beste Navigationsgerät durchs Leben.

In dem Bildband „Malerisches altes Europa“ fand ich folgenden Text:

Wien ist die Stadt des heißblütigen Lebens, die Freudenstadt, in welcher dem Fremden auf jedem Schritt und Tritt Glanz und Pracht, und Jauchzen, Witz und schwellender Lebensgenuß begegnen., als könne hier Niemand sterben und Niemand elend sein. So Alles ist hier blühende, leuchtende, tönende Gegenwart, so Alles Farbe, Glanz und Rauschen, für den Eindruck wahrhaft betäubend, daß man nicht sogleich an die zukünftliche Bestimmung Wiens denkt, auf welche Berghaus aufmerksam macht: „Wien liegt für jetzt auf der Scheidung des hochcivillisierten Occidents und des halbcivillisirten Orients von Europa; von Wien kann und muß sich das Licht verbreiten über das europäische Morgenland, weithin über die Gränzen des Kaiserreiches hinaus. Lage wie nach historischer Bedeutung und intellektueller Bildung. (Ed.Dullar, 1847) Seite 166 (Grammatik und Rechtschreibung der damaligen Zeit)

Dieses Bild findet sich ebenso in diesem Band:

Stephansdom um 1850

Morgen bin ich an diesen Ort, treffe meine Allerliebste und werde an diese Zeilen und das Bild denken. Die geheimnisvollen Verquerungen, die das Leben so bereit hält. Über das Suchen und Finden, wo es einsame, staubige Strecken gibt, die öd und depressiv sein können. Einsam und meditativ wie damals in meiner Jugend in den Archiven zwischen den dreckigen Ordnern.  Ab und an trifft man auf Kreuzungen. Man muss sich entscheiden, wo es weiter geht. Damit sich das kleine Glücksgefühl in mir breitmachen kann. Dieser Moment wo ich weiß ich bin auf dem richtigen Weg , um mir meine Träume zu erfüllen.

verfasst am 10.02.2019©Bluesanne

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code