Die Auktion

100 Jahre später

Wir schreiben Samstag, 25.März 2062, Wien Dorotheergasse 17
Ein lauer Frühlingsnachmittag.
Vor dem Eingang des Dorotheums warten bereits einige elegant gekleidete Personen. Runde Stehtischchen mit blauen Seidentüchern umhüllt, flankieren den roten Teppich. Das Portal ist mit dutzenden weißen Lilien geschmückt. Das Eisentor wird von zwei Pagen im roten Livree bewacht. Im Knopfloch ihrer perfekt sitzenden Uniform steckt eine kleine blaue Katze. Immer mehr Menschen strömen herbei. An den Tischen wird Schaumwein zur Begrüßung ausgeschenkt. Die Leute prosten sich fröhlich zu.

Beim Eintritt gibt es ein wenig Unruhe, die Presseleute sind eingelangt. Die Reporter, vollbeladen mit Film und Fotoapparaten wollen die ersten im altehrwürdigen Auktionshaus sein. Einige von ihnen halten die Mikrofone unter die Nasen der vielen prominenten Gäste.
Doch dann schwenken die Kameras in Richtung Augustinerkirche. Pferdehufe klappern über das Kopfsteinpflaster. Ein Fiaker mit vier weißen Pferden nähert sich langsam und kommt knapp vor dem roten Teppich zum Stehen. Die Pagen eilen herbei und öffnen die Türchen der Kutsche. Eine schlanke großgewachsene Dame steigt aus. Sie sieht sehr attraktiv und elegant aus in dem schwarzen, hautengen und bodenlangen Kleid. „Phönix-Design“, flüstern einige Gäste.

Die Scheinwerfer der Reporter fangen den angekommen Gast ein. „Frau Bundespräsident, werden sie heute auch mit steigern?“ „Es ist für eine gute Sache“, antwortet sie höflich und schreitet den roten Teppich entlang in Richtung Eingang.
Nun werden die Tore geöffnet. Gemächlich spazieren die Menschen in die festlich geschmückte Vorhalle. Geduldig warten sie, bis ihnen ein Katalog und das Bietertäfelchen ausgehändigt werden. Mit diesen Utensilien bewaffnet wandern sie in den neubarocken Saal. Die Kleider der Damen rascheln, die Männer richten nochmals ihre Krawatten zu Recht. Viele tragen ebenfalls, wie die Pagen eine kleine blaue Katze an ihrem Sakkorevers.

In der ersten Reihe sitzt ein älterer Herr im Smoking und blättert interessiert im Katalog. Alle Bilder, die er hier sieht, waren ihn nur allzu bekannt. Jahrzehntelang standen sie aufgeteilt in allen Räumen ihrer Wohnung. Die, seiner Mutter und sein Domizil. Viel Platz war damals nicht mehr. Manchmal wurden ein paar verkauft, doch es kamen immer wieder neue dazu. Einige hatte er sich schon als junger Mann in sein Zimmer gehängt.

Heute sollten nun die restlichen 20 Bilder aus der Hinterlassenschaft unter den Hammer kommen. So stand es in ihrem Testament. Üblicherweise war das Auktionshaus am Samstag geschlossen. Doch für diesen besonderen Anlass, drückte der Wiener Amtsschimmel ein Auge zu.

Langsam wurde es still im Raum. Die geladenen Gäste hatten alle ihre Plätze eingenommen und hielten ihre Nummerntäfelchen fest in ihrer Hand. Doch bevor die Versteigerung begann, betrat Frau Bundespräsident noch die Bühne. Nach kurzem Applaus begrüßte sie das festlich gekleidete Publikum. „Herzlich Willkommen hier im ältesten Auktionshaus der Welt. Wir haben heute hier das große Vergnügen, die wunderbaren Bilder der Künstlerin ….“ Die Rede dauerte etwa eine Minute. Nun schieben zwei Herren mit weißen Stoffhandschuhen die ersten Bilder auf großen Staffeleien in den Saal. Der Auktionator stellt sich hinter sein Pult und kündigt das erste Werk an.

„Nr.1 der heutigen Auktion: „Naked2020“, ein Acrylgemälde auf Leinwand, Größe 100 x 150 cm, datiert und signiert am 1.4.2020“ „Rufpreis: Sch€uro 2.000,–„ Der Herr in der dritten Reihe hob bereits seine Tafel in die Höhe. „Dieses Bild stammt aus der Reihe Naked der Künstlerin und umfasste ursprünglich 200 Bilder“ Das Täfelchen in der dritten Reihe ist nach wie vor oben. „Dreitausend…zum Ersten…“ 4.Reihe eine Dame streckt nun energisch ihre Hand in die Höhe. „Dreitausendfünfhundert, die Dame mit Nummer 94“ Doch der Herr in der dritten Reihe ist hartnäckig. „Sch€uro 4.000,–…der Herr mit der Nr. 24…zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten“ Das Bild geht an den Herrn in der dritten Reihe. Der Auktionator schlägt mit dem Hammer auf sein Pult. Viertausend Sch€uro, nicht schlecht, denkt der Sohn der Künstlerin. Wenn sie so viel zu Lebzeiten für ein Gemälde erhalten hätte, wäre das wunderbar gewesen. Doch meist wurden lediglich die kleinen Bilder verkauft. Vor allem die MiniaturBildchen mit den winzigen Holzstaffeln. Die waren sehr beliebt.

„Nr.2 zu Ehren und auf Wunsch der Künstlerin, die liebevoll „Floridsdorfer Lilie“ genannt wurde, Nr.2 „Hurt+Pain, eine besonders farbige und bewegende Malerei, Mischtechnik auf Leinwand, Größe 80 x 80 cm, datiert 2.1.2015, signiert auf der Rückseite“ „Rufpreis: Sch€uro 1.000,–„ Eine junge Hand, mit Brillantring schnellt in der 5. Reihe in die Höhe. „Die Dame mit Nr. 3…Sch€uro 1.500,–…zum Ersten…“ In der letzten Reihe winkt ein Herr energisch mit seiner Tafel. „Nr.50, der Herr, Sch€uro 2.000,–, wer bietet mehr?“ Viele Arme recken sich in die Höhe, das Bild geht an die Dame mit dem 5 Karäter. „Zum Dritten, für 5.000,– an die Dame in der 5.Reihe“. Hammerschlag.
Wahnsinn! Der Sohn der verstorbenen Künstlerin ist erstaunt. Mit der Summe, hätten sie damals endlich das Bad renovieren können. Wie oft war sie damals in der Wanne gestürzt? Aber das ist lange her.
Er blätterte weiter im Katalog, er suchte ein bestimmtes Bild. Seine Mutter hatte es 2012 in der Reha gefertigt. Es sollte einen Ehrenplatz im fertigen Badezimmer erhalten. Doch das Geld reichte nie für die Renovierung.

Da war es nun, dieses bunte mit Spiegelteilchen und Keramikstückchen verzierte Gemälde


„Nun kommen wir schon zu Nr.19, der heutigen Versteigerung“. „Shower“, Mischtechnik mit kleinen Ton und Spiegelapplikation beklebt, Größe 60 x 60 cm, datiert und signiert 2012, Rufpreis: Sch€uro 3.500,–„ Dutzende Bieter halten ihre Tafeln in die Höhe. Der Auktionator dirigiert virtuos mit dem Hammer von seinem Pult. „7.000,– Euro die Dame in der sechsten Reihe“ Zum Ersten, Zum Zweiten und zum Dritten. Hammerschlag.

Viele der anwesenden Gäste hat bereits ihr persönlich begehrtes Werk ersteigert. Doch sie verfolgen weiterhin gespannt die Auktion. Bevor es nun zum letzten Gemälde kommt, wird eine kleine Pause eingeschoben. Das Publikum wandert in das traumhaft dekorierte Foyer zu Brötchen und Schaumwein. Zwischen den eleganten Herrschaften drängen sich abermals die Leute von der Presse. Diesmal haben sie eine Dame im goldenen Paillettenkleid im Visier. „Frau Dr. Wald, werden sie nun beim letzten Bild zuschlagen?“ Frau Dr. Wald lächelt geheimnisvoll in die Kamera. „Selbstverständlich, werde ich mitbieten, Dankeschön.“

Die feine Gesellschaft schiebt sich wieder bedächtig in den Saal. Prickelnde Spannung liegt in der Luft. Das Publikum sitzt erwartungsvoll in den mit rotem Samt gepolsterten Sitzen. Ein erstauntes Raunen geht durch die Reihen, als die Herren des Auktionshauses das Bild herein schieben. Es wird durch ein weißes Seidentuch verdeckt. Nun betritt der Sohn der Künstlerin die Bühne. Er bedankt sich für die rege Teilnahme und für das Interesse an der Auktion. Gekonnt, wie ein Zauberkünstler entfernt mit einem raschen gezielten Zug das weiße Tuch von der Malerei. Die Menschen applaudieren, einzelne Bravorufe tönen durch den Saal, der einzige Nachkomme der Künstlerin verbeugt sich dankend.
Nun tritt auch wieder der Auktionator hinter sein Pult in Aktion.

„Meine Damen und Herren, mit besonderer Freude stelle ich ihnen nun das letzte, Bild Nr.20 vor“ „Amore + Pace + Pesce“, das größte Gemälde der Künstlerin LesChatBleu, Acryl, Gouache, Eitempera und einige uns unbekanntes Farbmaterial auf Leinwand, Größe 3500 x 2500 cm, signiert und datiert 2020“ Rufpreis: Sch€uro 10.000,–, bitteschön die Herrschaften“
Nun waren es nicht mehr so viele Täfelchen die empor ragten. Ein Herr, mittleren Alters hielt lange seinen linken Arm nach oben. Doch bei Sch€uro 30.000,–, musste er passen. Das übersteigt mein Budget; Schade, wie habe ich sie geliebt, diese kreative Frau, dachte er. Wehmütig betrachtete er das gerahmte Foto, das auf dem Pult hing. Er drehte diskret seinen Kopf zu Frau Dr. Wald, die nach wie vor hartnäckig ihre Nummer in die Höhe hielt.

„Zum Ersten, zum Zweiten und zum allerletzen Mal zum Dritten an Frau Dr. Wald“ Der Hammer trommelte triumphierend auf dem Pult. Der Auktionator bedankte sich höflich bei den eifrigen Bietern und dem Publikum. Die Menschen erheben sich aus ihren Sitzen und strömen aus dem Saal. Sie versammeln sich vor dem Auktionshaus und gehen in Richtung Spiegelgasse. Es war mittlerweile schon dunkel, doch die Gesellschaft erhellte die Nacht durch ihre farbigen Kleider und ihre gute Laune. Allesamt wanderten sie zufrieden in das Tanzlokal um die Ecke. Ein Fest sollte die erfolgreiche Auktion nun fröhlich abrunden.

Auch dies war der Wunsch der Künstlerin gewesen. Fr.Dr.Wald hatte die nette kleine Lokalität eines Tages entdeckt und sie als äußerst passend empfunden. Glücklich und zufrieden betrat sie mit den übrigen Menschen die Tanzbar. Bunte Cocktails standen für Alle bereit. Fr.Dr. Wald setzte sich zu der Bundespräsidentin. „Wunderbar, sie haben das Bild bekommen, meinte sie. „Ja, ich freue mich wirklich sehr, es liegt mir sehr viel daran.“ „Wo wird es hängen?“

Amore + Pace + Pesce wurde im Eingangsbereich ihrer Firma im Waldviertel aufgehängt. Zu Ehren von LesChatBleu,der Künstlerin und zur Erinnerung an die Anfänge ihres eigenen Schaffens hier in diesen Räumlichkeiten im Jahre 2014.
Der Erlös der Auktion geht an den Verein „Kunst ist Leben – Leben ist Kunst“ Diese Vereinigung betreut Menschen mit Schmerzerkrankungen, deren Ursache nicht bekannt war. Mithilfe kreativer Therapien konnte das qualvolle Dasein ein wenig lebenswerter gestaltet werden. Über die tatsächliche Geldsumme der Versteigerung wird in den Medien spekuliert. Vermutlich eine sechsstellige Zahl.
Auch der Sohn konnte zufrieden sein, alle Wünsche seiner Mutter, die sie in ihrem Testament angeführt hatte, waren in Erfüllung gegangen.

(verfasst am 01.01.2015)©Bluesanne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code